Marokko mit dem Wohnmobil- Pfingsten 2013

Nachdem Christine ihre Ausbildung als Therapeutin erfolgreich beendet hat, wollen wir dies mit einer neuen Reise feiern. Kurz vor Pfingsten starten wir mit unserem Wohnmobil, neuen Geländereifen und Sandblechen in Richtung Mittelmeer. Durchs Rhonetal erreichen wir den Hafenort Sete, von wo wir mit einer Fähre nach Tanger übersetzen. In Nord-Marokko ist das Wetter zunächst noch etwas bedeckt, bleibt aber dann – ganz im Gegensatz zum verregneten Europa – für den Rest der Reise warm und sehr schön.

Wir besichtigen zuerst die römischen Ruinen von Volubilis bis wir kurz darauf die alte Königsstadt Fes erreichen. Das Flair dieser Altstadt erleben wir sowohl in der Nacht als auch tagsüber, sie gehört zu Recht zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die verwinkelten Gassen, am meisten aber das mittelalterlich anmutende Gerberzentum mit seinen bunten Farben und strengen Gerüchen laden zum Bestaunen und Fotografieren ein. 34 Jahre nach meinem ersten Besuch bekomme ich es jetzt endlich zu Gesicht, da wir damals wegen der extremen Aufdringlichkeit von Schleppern und Verkäufern darauf verzichtet hatten. Durch verschiedenen Aufklärungskampagnen hat sich das zum Glück inzwischen deutlich verändert und das Reisen ist viel angenehmer geworden. Auch darf man Marokko nach dem Oman im Moment als das sicherste Reiseland in der Arabischen Welt bezeichnen.

Als nächstes überqueren wir den Mittleren und Hohen Atlas auf mehreren z.T. noch nicht asphaltierten Pässen bis zur berühmten Todraschlucht nahe der Oase Tinerhir.

Die Sanddünen des Erg Chebbi erleben wir mit Sonnenuntergang und im fotogenen Abendlicht. Hier müssen wir erstmals unsere Sandbleche einsetzen, da wir wieder einmal stecken bleiben.

Am nächsten Tag befinden wir uns auf der Route der ehemaligen Rallye Paris – Dakar mitten in der Sahara und ganz nahe der algerischen Grenze. Bei einer sandigen Auffahrt hat unser Sprinter trotz Allrad und Untersetzung große Probleme: er schaukelt sich auf, hüpft wie ein Känguruh und ganz kurz vor dem Erreichen der Kuppe bleibt er mit einem lauten Schlag stehen. Wir können keinen Zentimeter mehr fahren und stellen einen Getriebeschaden fest. Unser Handy funktioniert nicht – aber schon kurze Zeit später kommt ein einheimischer Mofafahrer um die Ecke, der uns dankenswerterweise weiterhilft. Er organisiert einen Traktorfahrer aus der nächsten Oase, der uns – nach erbittertem Feilschen  über den Preis – 30 km bis zur nächsten Asphaltstraße abschleppt. Hier müssen wir einige Stunden warten, bis uns spät in der Nacht ein Abschlepp-Fahrzeug in die nächste Stadt Erfoud Huckepack nimmt.

Die kleine Hinterhof-Werkstatt besteht aus einem einzigen voll gestopften Raum ohne Hebebühne oder Grube - ob das für eine Reparatur reicht? Bis zu vier Monteure liegen am nächsten Tag auf der Straße unter unserem Sprinter, bauen Tank, Getriebe und den Verteilerkasten für den Allrad aus. Dort findet sich der Fehler: die Hauptantriebswelle ist gebrochen.

Eine Ersatzteilbeschaffung gestaltet sich extrem schwierig. Trotz dutzender Telefonate mit meinem Bruder Klaus, dem Mercedes-Notfallservice in Europa und den Mercedes-Niederlassungen in Marokko haben wir keine Chance auf Garantie oder zu einem vernünftigen Preis bzw. in absehbarer Zeit zu einem Austauschteil zu kommen. Da wir unseren gerade begonnen Urlaub aber auch nicht abbrechen wollen, nehmen wir das Angebot des Chefmechanikers an: die Welle wird vor Ort zusammengeschweißt. Erstaunlicherweise setzen die Automechaniker mit einfachsten Mitteln alles wieder zusammen und es bleibt keine einzige Schraube übrig! Der Wagen funktioniert wieder – den Allradantrieb schalten wir aber nicht mehr ein, um die „geflickte“ Welle zu schonen.

Wir fahren weiter entlang der Sahara, meist auf Asphaltstraßen, aber auch Schotterpisten.

In der Gegend von Tafraoute gibt es bunt bemalte Felsen, die sich auch gut zum Bouldern und Fotografieren eignen. Hier erleben wir einen wunderschönen Sonnenuntergang mit Lagerfeuer und Grillen in wildromantischer Landschaft.

Bei Agadir baden wir im Atlantischen Ozean und erreichen danach Marrakesch. Der Hauptplatz, die Jamaa del Fna ist quirlig und exotisch wie immer, wir aber suchen nach einem Restaurant mit Fernsehen. In diesem erleben wir das spannende Champions League Endspiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Neben Touristen als Anhänger beider Mannschaften, sitzen auch viele Marokkaner im Raum, z.T. sogar mit Bayern-München-T-Shirt. Der arabische Kommentator sprudelt und überschlägt sich teilweise – die Stimmung ist unglaublich und ein Erlebnis für sich!

Die Kaskaden von Ouzud sind landschaftlich nach wie vor sehr reizvoll, aber mittlerweile ein Touristenmagnet und Einnahmequelle für die Einheimischen geworden. Dutzende von Verkaufsständen und Imbissbuden säumen den Weg zum Fuß der Wasserfälle, wo man sich auf kitschigen Booten fotografieren lassen kann. Nach der natürlichen Brücke von Imn-Ifri geht es auf einer kaum befahrenen Bergstrecke einsam über den Hohen Atlas wieder Richtung Sahara. Unsere z.T. völlig einsamen und aussichtsreichen Nachtplätze erreichen wir auch ohne Allrad durch unsere große Bodenfreiheit. Entlang der Straße der Kasbahs besuchen wir noch einmal die Todraschlucht, wo wir einen Nachmittag lang Klettern und folgen unserer MTB-Route aus dem Jahr 2007 über den Hohen Atlas. Der schönste Teil der Strecke ist mittlerweile asphaltiert und ich finde leider nicht einmal mehr unseren alten Zeltnachtplatz. Marokko hat sich innerhalb weniger Jahre doch ziemlich verändert.

Zum Abschluss legen wir noch einen Fahrtag über den Mittleren Atlas ein und gelangen über größere Autobahnstrecken nach Norden, zum Hafen an der Mittelmeerküste nahe der algerischen Grenze. Wir verbringen erneut einen ganzen Tag mit eigener Kabine an Bord, bevor wir in Sete wieder europäischen Boden erreichen.

Marokko hat uns im eigenen Wohnmobil so gut gefallen, dass wir auf alle Fälle wieder einmal dorthin zurück möchten, auch um die geplanten Wüstenpisten doch noch fahren zu können. Ansonsten bietet das Land arabisches Flair mit tollen Altstädten, aber auch einsame Wüsten- und Bergerlebnisse, insgesamt sehr viel Abwechslung in einem exotischen, aber sicheren arabischen Land.

Nachspiel:

Unsere geschweißte Antriebswelle hat fast 5000 km gehalten und ist erst nach unserer Rückkehr in München bei einer Probefahrt vor der Mercedes Werkstatt ein zweites Mal gebrochen!

Nach einigem Hin und Her haben wir nicht nur auf Garantie ein neues Getriebe erhalten, sondern die Mercedes–Niederlassung in München hat uns kulanterweise auch noch unsere Abschlepp- und Reparaturkosten von Marokko übernommen.

© Dr. med. Walter Treibel, 2013