Oberland Kindergarten im Pamir 1994

Ein (etwas satirischer) Expeditionsbericht
 

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Es war die bedeutendste Expedition der Sektion, ja sogar in der gesamten Geschichte des Alpinismus, die im August 1994 in das sagenhafte Pamirgebirge im fernen Tadschikistan reiste. Eine junge und begeisterte Bergsteigertruppe mit einem Durchschnittsalter von unter dreißig Jahren hatte sich unter dem Decknamen "Kindergarten" für diese Expedition zusammengefunden. Der selbstgewählte Namen sollte die jugendliche Tatkraft, das geistige Potential bzw. das Understatement und vor allem die lockere Atmosphäre innerhalb der Gruppe widerspiegeln. Als Ausgleich zu der geschickten Namenstarnung gab sich die Gruppe intern hochtrabende Namen aus der Elite der europäischen Spitzenbergsteiger. Als Ältester und Erfahrenster war dies Riccardo Cassin, und ebenfalls aus Italien kam der Solokletterer Walter Bonatti. Aus Frankreich beteiligten sich der junge Gaston Rebuffat und der Technikfreak Yvon Chouinard. Österreich war durch seinen berühmten Hermann Buhl und als Ausgleich zu all den Klassikern auch durch den schönen Thomas Bubendorfer ("Bubi") vertreten, während das Multitalent Reinhard Karl die deutsche Fahne hochhielt. Auch ein waschechter Engländer war dabei, natürlich Edward Whymper, allerdings in seiner jüngeren Reinkarnation Don Whillans. Selbst Großvater Luis Trenker hatte sich lose diesen internationalen Berühmtheiten angeschlossen.

Zusammenarbeit und Geschlossenheit demonstrierte der Kindergarten bereits bei der Expeditionsvorbereitung. Die einzige gemeinsame Tour war mehr durch Bummeln, Sonnenbaden, Ratschen, Weintrinken und Schlafen gekennzeichnet als durch alpine Großtaten. Als kurz darauf ein Mitglied sich beim Joggen einen Bänderriß am Sprunggelenk zuzog, hörten aus Sympathiegründen sämtliche anderen mit diesem so gefährlichen und unsinnigen Training auf und widmeten sich bis zur Abreise nur noch dem Sportklettern oder anderen angenehmen Beschäftigungen. So war man bestens auf die Strapazen einer richtigen Expedition vorbereitet. Als von den Gastgebern eine lange, anstrengende Eingehtour zum Akklimatisieren vorgeschlagen wurde, wanderte man stattdessen - wiederum einer Meinung - lieber ganz gemütlich auf einen schönen Aussichtshügel mit vielen Foto- und Rastpausen inklusive ausgiebigem Gipfelnickerchen.

Im eigentlichen Basislager angekommen, waren alle über diese russische Version der Rudolfshütte erstaunt: in fast viereinhalbtausend Meter Höhe eine kleine Bergsteigerstadt mit Aluhütten, Hauszelten oder einfachen "Hundehütten", einem Volleyballplatz und einer zeltüberdachten Tischtennisplatte sowie heißen Duschen und sogar einer Sauna. Das reichhaltige Essen im Basislager-Restaurant war meist sehr gut und wurde von hübschen Bedienungen mit Schürzen und Käppis serviert. Den Höhepunkt bildete aber die (Zelt-) Bar, die offiziell von 20 Uhr bis 1 Uhr nachts geöffnet hatte. Hier war der internationale Versammlungsort, hier wurde viel diskutiert und genausoviel getrunken, es floß Cola, Bier, Sekt und Wodka im Überfluß, und bei heißer russischer Pop- und Rockmusik wurden atem(be-)raubende Tänze zum Teil bis in die frühen Morgenstunden durchgeführt. Hier zeigte sich bereits das vielseitige Talent und Potential des Kindergartens: Aufgrund seiner Ausdauer und überlegenen Taktik, der Teamarbeit sowie der tänzerischen Qualitäten ging er öfter als klarer Sieger aus dem internationalen Höhen-Diskowettbewerb hervor.

Ach ja - Bergsteigen stand natürlich auch noch auf dem Programm, was trotz mehr als 7000 m Höhe und starken Stürmen zum Glück nicht ganz so anstrengend war wie das intensive Nachtleben. In lupenreinem Alpinstil wurde der Gipfel des Piz Kosch bestiegen, ganz im Gegensatz zu den anderen Gruppen selbstverständlich von allen Kindergartenmitgliedern, das war man seinem Namen schon schuldig! Damit der Gipfelerfolg nicht zu leicht fiel, wurde er systematisch durch aufwendige medizinische Untersuchungen behindert, z.B. durch "Gameboy-Spielen" oder Psycho- und den berüchtigten d-2-Test, ebenso durch umfangreiche fotografische und filmische Dokumentationen. Trotzdem konnte nur ein Schlechtwettereinbruch mit Lawinengefahr die Elitegruppe kurzfristig bremsen und von ihrem zweiten Bergziel Piz Komm abhalten.

Dies aber tat der ausgelassenen Stimmung keinen wesentlichen Abbruch, stattdessen bestieg man einen anspruchsvollen Ersatzgipfel (zahlengerecht den Piz der Vier), während die übriggebliebenen Energien natürlich wieder in das ausschweifende Bar- und Nachtleben investiert wurden (siehe oben!). So kam es, daß am Ende wehmütig und mit roten Rosen Abschied gefeiert wurde, nicht ohne den Vorsatz, irgendwann einmal den Expeditions-Kindergarten wieder ins Leben zu rufen und erneut hochalpine Tanznächte (und erholsamere Bergtouren) durchzuführen.

Riccardo Cassin

 

PS: Selbstverständlich sind alle Ähnlichkeiten mit Personen oder Tatsachen frei erfunden und die ganze Story ist lediglich ein Hirngespinst höhenkranker Bergsteiger mit chronischem Hirnödem!

© Dr. med. Walter Treibel, 2011