Noch 97 Meter bis zum Mt. Everest

Von einem, der auszog, den höchsten Gipfel zu besteigen

 

Plötzlich ist der Himmel über mir voll von dahinwirbelnden Papierstückchen - ich bin etwa 8700 m hoch, sehe keinen Menschen, aber im Wind flattern Hunderte von Gebetszetteln wild durcheinander, heben sich gegen den tiefblauen Himmel ab wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm, werden von kleinen Windböen hin- und hergeschleudert und sinken doch allmählich zur Erde hinab - ein geradezu unwirkliches Szenarium und einer der intensivsten Eindrücke der ganzen Expedition!

Mir wird auf einmal bewußt, wie hoch ich schon bin, wie nahe den Göttern und wie sehr von ihrem Wohlwollen abhängig. Jetzt verstehe ich auch die Sherpas vor mir, die einen ganzen Sack voller Gebetszettelchen mitgenommen haben, um die Götter für unser Vorhaben gnädig zu stimmen.

Wenig später erreiche ich den Südgipfel (8751 m). Hier treffe ich die beiden Sherpas, die vor mir aufgestiegen sind. Einer davon ist Ang Rita, der bisher am häufigsten auf dem höchsten Gipfel der Welt stand. 50 Meter vor uns sind vier vermummte Gestalten dabei, den ausgesetzten Weiterweg zum Gipfel zu spuren und zu versichern.

Die beiden Sherpas steigen wieder ab, da sie sich für heute keine Gipfelchance mehr ausrechnen. Ich bleibe allein zurück, später kommen noch zwei Spanier und der Schweizer Bergführer Diego Wellig, alle ohne Sauerstoff. Wir warten lange, aber mit immer weniger Hoffnung, denn der Stoßtrupp vor uns kommt kaum voran und der Wind wird immer stärker. Da ich kein unkalkulierbares Risiko eingehen möchte, entschließe ich mich aus Sicherheitsgründen - nur 97 Meter unter dem höchsten Punkt der Erde - zum Abstieg. War es die richtige Entscheidung?

Vorbereitung und Anmarsch

Diese Frage habe ich mir schon vor der Expedition gestellt: Ist es ein Gipfel wert, so viel Geld und Zeit zu opfern sowie gesundheitliche Risiken einzugehen, nur um eine kleine Gipfelchance zu haben? Aber der höchste Berg der Welt zieht eben Abenteurer, Bergsteiger und Wissenschaftler magisch an! Ich fühle mich gleich dreimal angesprochen und riskiere den immensen Aufwand. Damit ich von meinen Freunden nicht für größenwahnsinnig gehalten werde, erzählte ich vor der Abreise nur, daß ich zum Monsuntrekken nach Nepal gehe: "Wollte schon lange mal Blutegel kennenlernen!"

Der Anmarsch durchs Sherpaland ist eine Wohltat für mich: Schauen, staunen, träumen im gleichmäßigen Rhythmus des Gehens, Neues entdecken und alte Erinnerungen wieder auffrischen.... Vor zehn Jahren waren wir zu zweit das erste Mal hier - manches hat sich seitdem geändert, auch ich selbst bin nicht mehr derselbe wie damals, aber die Faszination dieses Landes ist gleichgeblieben.

Im Basislager

Nach einer Woche erreichen wir das Mt. Everest-Basislager (5400 m) auf dem Khumbugletscher. Die Umgebung ist eine geröll- und felsblockübersäte öde Landschaft mit wenigen freien Eisflächen, schmutziggrau und braun. Zunächst ist harte Arbeit beim Aufbau des Lagers nötig. Plattformen werden eingeebnet, schwere Felsbrocken beiseite gerollt, Schutt als Unterlage herbeigeschafft, Zelte errichtet, Steinmauern aufgetürmt, Gepäck auseinandersortiert und herumgeschleppt.

Wir sind insgesamt elf Bergsteiger aus den drei deutschsprachigen Ländern, die bis auf zwei alle schon mindestens einen Achttausender bestiegen haben. Zu den fünf Profis unserer Gruppe gehören z.B. Ralf Dujmovits als Expeditionsleiter und hervorragender Organisator, Michel Dacher als Ältester und Erfahrenster mit zehn Achttausendern sowie die Schweizer Bergführer Diego Wellig und Kobi Reichen, beide extreme Alpinisten, Steilwandfahrer und Spaßvögel unserer Gruppe. Ich selbst bin einer von zwei Ärzten und auch noch etwas wissenschaftlich tätig.

Nachdem das Basislager steht, wird nach dem tibetischen Kalender ein Termin für die traditionelle Opferzeremonie bestimmt. Die Feierlichkeiten beeindrucken uns tief: Die Einheit von Religion und Alltagsleben bei den Sherpas ist unübersehbar, auch wir sind integriert, erleben die besondere Atmosphäre dieser Stunde, die noch verstärkt wird durch die fantastische Bergwelt um uns.

Über Khumbu-Eisfall und Tal des Schweigens zur Lhotseflanke

Wo nur geht die Spur durch dieses zerrissene Chaos? Der Weg bzw. das Fixseil zieht sich ziemlich gerade empor - große offene Spalten werden mit darübergelegten Aluminiumleitern überwunden. Als Sicherung und Halt dient ein mehr oder weniger gespanntes Geländerseil in Hüfthöhe - bei langen Brücken aus mehreren zusammengebundenen Leitern haben wir sogar "Doppelgeländer". Trotzdem haben wir anfangs einen Höllenrespekt und auch wenn man sich allmählich daran gewöhnt, bleibt trotzdem immer ein Nervenkitzel übrig. Der gefährliche Gletscherbruch ist nämlich durch seine hohe Fließgeschwindigkeit unberechenbar; es sind früher schon mehrere Bergsteiger und Sherpas unter zusammenbrechenden Eismassen begraben worden.

Der folgende Teil des Aufstieges hat einen ganz anderen Charakter - es geht relativ flach zwischen den steilen und lawinengefährdeten Flanken von Nuptse und Everest hinein ins Tal des Schweigens. Hier gibt es riesige Gletscherspalten, z.T. über 100 m lang, die man nur im Zickzackkurs umgehen kann. Der letzte Teil des Weges ist fast eben und spaltenfrei, dafür geht man meist in praller Mittagshitze. Auf einer Randmoräne unter dem Everest-Westgrat errichten wir Lager 2 (6500 m) auf Geröll. Mit dem Erkundungstrupp geht es dann noch in der Lhotseflanke steil nach oben, wo wir anstrengend bis auf etwa 7000 m Höhe spuren. Wenigstens bin ich hier auch einmal ganz an der Spitze und laufe nicht nur in ausgetretenen Bahnen hinter den anderen her.

Beim nächsten Mal erreichen wir das inzwischen eingerichtete Lager 3 (ca. 7300 m) im Schutz eines kleinen Eisabbruchs inmitten der Lhotseflanke. Die Aussicht von hier ist vor allem abends sehr lohnend - in der Ferne dominiert der Achttausender Cho Oyu. Ich denke dabei zurück an unsere Expedition und Gipfelbesteigung vor zwei Jahren.

Unser erster Gipfelversuch

Diesmal starten wir vom Lager 3 zum sogenannten Gelben Band, einem sperrenden Felsriegel in ca. 7500 m, der uns ziemliche Energien kostet. Als wir schließlich den Südsattel in knapp 8000 m erreichen, sind wir mit unseren schweren Rucksäcken ganz schön ausgepumpt - anderswo wären wir schon fast auf dem Gipfel eines niedrigen Achttausenders. Die Zelte sind bereits von unseren Sherpas heraufgetragen und aufgebaut worden. Trotz dieser unersetzlichen Hilfe bleibt für uns noch genug zu tun. Das stundenlange Schneeschmelzen und Kochen ist fast genauso mühsam wie der Aufstieg - lieber würde man sich ausruhen oder in seinen Schlafsack verkriechen. Der Südsattel ist der höchste, exklusivste und teuerste Zeltplatz der Welt und bietet eine unvergleichliche Aussicht. Für die schöne Abendstimmung sind wir aber kaum empfänglich, sondern konzentrieren uns mehr auf das unmittelbar Notwendige wie Essen, Trinken und Schlafen.

Bereits um ein Uhr nachts fangen wir mit den Vorbereitungen für den Aufstieg an. Um halb drei Uhr starten wir bei stockdunkler Nacht und minus 32° Celsius. Die harten Schneehänge werden immer steiler - so anspruchsvoll hätten wir uns den Aufstieg nicht vorgestellt! Über mir funkeln die Lichter von vielen Stirnlampen, die hin- und herhuschenden Strahlen erleuchten schwach den Aufstiegsweg - ein gespenstiger Anblick! Wenn nur keiner ausrutscht und die anderen mitreißt!

Zu diesem ersten Gipfelvorstoß haben sich die stärksten Bergsteiger von vier verschiedenen Expeditionen zusammengetan, doch es werden immer weniger, je höher wir kommen. Trotz Sauerstoffgerät ist der Anstieg immer noch anstrengend genug. Obwohl der sportliche Wert einer Besteigung ohne Zusatzsauerstoff höher einzuschätzen ist, möchte ich gerade als Mediziner, der sich alle Schäden und ihre Folgen gut ausmalen kann, kein unnötiges gesundheitliches Risiko eingehen. In meinen Augen ist es generell kein Gipfel wert, einen lebenslänglichen Schaden davonzutragen. Auch deswegen steige ich auch nach langem Warten am Südgipfel schließlich wieder alleine zum Südsattel ab.

Die vier zurückbleibenden Spanier erreichen an diesem Tag den Everestgipfel - doch dann beginnt ihre Odyssee. Zwei müssen in etwa 8500 m Höhe biwakieren und ziehen sich schwere Erfrierungen an fast allen Zehen zu. Die beiden anderen erreichen zwar noch spät den Südsattel, aber bei einem Sturz erleidet einer eine Knieverletzung, während der andere - zum Glück nur vorübergehend - Sehschäden an beiden Augen davonträgt.

Im Basislager behandle ich die zwei stark erschöpften Spanier mit den Erfrierungen, so gut es geht, und bin nach getaner Arbeit zufrieden, etwas wirklich Nützliches geleistet zu haben. Am nächsten Morgen werden beide mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus nach Kathmandu geflogen. So gesehen, war meine Umkehr kurz unter dem Gipfel doch gerechtfertigt, zumal ich ohne jeden Schaden, nur etwas müde, zurückkomme.

Erholung und Tagesablauf im Basislager

Der Mensch kann nur bis maximal 5500 m auf Dauer leben, in Höhen darüber baut er kontinuierlich ab und verliert an Substanz. Zwischen den einzelnen Vorstößen in die Höhe sind deshalb immer wieder Erholungstage im Basislager nötig. Zusammengezählt sind sie meist länger als die gesamte Aufenthaltsdauer in den Hochlagern. Ich möchte deshalb einen typischen Tagesablauf schildern.

Am Morgen werden wir von einem der Küchenjungen geweckt, der uns heißen Tee bringt - ein angenehmer Tagesanfang. Die Frühaufsteher unter uns treffen sich meist im Küchenzelt, weil es dort, mit einer Teetasse in der Hand, am wärmsten und gemütlichsten ist. Etwa eine halbe Stunde nach dem Early-Morning-Tea ertönt der Gong, der uns zum Frühstück ruft. Zu den verschiedenen Getränken gibt es Knäcke- oder Vollkornbrot, Chapatis, Marmelade, Honig und Käse, Müsli, Cornflakes oder Porridge, dazu meist noch ein Omelett, Pfannkuchen oder sonstige Eierspeisen. Hier können wir im Gegensatz zum Alltagsleben den Tag ohne Hektik beginnen und uns beim Frühstück Zeit lassen. In der Zwischenzeit haben die Sonnenstrahlen unser Basislager erreicht, der Rauhreif im Meßzelt beginnt zu schmelzen und für Minuten tropft es überall von der Decke.

Ruhetag heißt aber nicht etwa nur Faulenzen - es gibt immer etwas zu tun, und wenn es nur Kleinigkeiten sind. Nach der Morgenwäsche installiere ich erst einmal meine Solaranlage, vielleicht komme ich auch auf die Idee, die anderen Teilnehmer mit einer Blutuntersuchung zu piesacken oder sie mit dem berüchtigten "d 2"-Test zu stressen! Für wissenschaftliche Zwecke habe ich einen Medizinkoffer voll mit ausgeliehenen teuren Geräten mitgenommen. Meine Testserien machen ziemlich viel Arbeit und halten auch die Teilnehmer im Trab, bei denen ich mich für die Geduld und Kooperation bedanken muß.

Ansonsten lassen wir den Tag gemütlich angehen, lesen, fotografieren, schreiben oder führen Tagebuch. Ist es wärmer geworden, wird vielleicht eine Ganzkörperwäsche fällig, wobei mit dem warmen Wasser gleich noch Wäsche gewaschen wird. Das Ausspülen erfolgt im kalten Gletscherbach, das Trocknen über dem Zelt. Und immer gibt es etwas zu reparieren an Kleidung, Bergausrüstung, irgendwelchen Kleinteilen oder Geräten.

All diese Beschäftigungen werden durch das Mittagessen unterbrochen. Waren die letzten Tage recht anstrengend, kann danach trotz der langen Nacht ein Mittagsschlaf nicht schaden. Um drei Uhr ist "Teatime", eine sinnvolle Einrichtung, um den enormen Flüssigkeitsbedarf in großer Höhe auch tatsächlich zu gewährleisten. Kuchen oder Kekse lockern die Verpflegung etwas auf und helfen, den Gewichtsverlust in Grenzen zu halten. Öfters besuchen uns auch Teilnehmer anderer Expeditionen oder einzelne Trekker. Wenn wir am nächsten Morgen wieder aufsteigen wollen, muß noch die Ausrüstung sortiert und der Rucksack gepackt werden.

Um sechs Uhr ruft uns der Gong zum Abendessen. Im Schein von Kerzen, Gas- oder Petroleumlampen bekommen wir die Hauptmahlzeit des Tages serviert. Nach der obligatorischen Suppe gibt es genügend "Sattmacher" wie Reis, Nudeln oder Kartoffeln, dazu eine reichhaltige Auswahl an Gemüsen, Salaten oder Fleisch mit Soßen sowie einen Nachtisch. Es schmeckt, und jeder wird satt. Eine gute Küche mit abwechslungsreichem Essen ist gerade auf so einer langen Expedition eine ganz entscheidende Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit und Ausdauer am Berg. Der Rest des Abends vergeht mit Planung der nächsten Aktivitäten, Erzählungen, mit Gesprächen über Gott und die Welt oder mit heißen Diskussionen um kontroverse Ansichten, aufgelockert durch ein paar Scherze.

Liegt man dann endlich im warmen Schlafsack, beschließt vielleicht die eigene Lieblingsmusik aus dem Walkman den Tag. Vielleicht schwirren einem aber auch noch allerlei Gedanken im Kopf herum, drehen sich um den geplanten Aufstieg und Gipfel oder wandern nach Hause zu denen, die man vermißt, kreisen um Vergangenheit und Zukunft oder um den Sinn oder Unsinn des Bergsteigens und des Lebens ..., bis sie schließlich in Träume übergehen - ein Ruhetag ist zu Ende.

Sturm am Südsattel

Bei unserem zweiten Gipfelversuch, genau eine Woche später, steige ich diesmal mit unseren schnellen Profis vom Lager 2 (6500 m) direkt zum Südsattel auf, wobei die 1500 m Höhendifferenz schon ganz schön kräfteraubend ist. Wegen der sehr stürmischen Verhältnisse in der Nacht wird unser geplanter Gipfelaufstieg um einen Tag verschoben. Da wir uns aber auf 8000 m Höhe befinden, können nur diejenigen hier oben bleiben, die Sauerstoff dabei haben.

Wir bleiben zu fünft zurück und hoffen auf besseres Wetter. Der Tag vergeht mit Herumdösen, Schneeschmelzen, Kochen, Freischaufeln des Zeltes und ein paar Fotos. Am nächsten Morgen ist der Sturm eher noch stärker geworden. Mir ist - genauso wie allen anderen - unter diesen Umständen ein Aufstieg zu riskant, nur Ralf und Sonam brechen unerwarteterweise trotz starker Böen und großer Kälte mit Sauerstoff zum Gipfel auf.

Bei Tagesanbruch können wir am Gipfelgrat bei anhaltendem Sturm riesige Schneefahnen erkennen und wir hoffen nur, daß den beiden nichts passiert. Die Böen erreichen Spitzengeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometer. Zeitweise flattern und knattern die Zeltwände höllisch laut wie ein Maschinengewehr - der ungeheure Lärm ist eine starke psychische Belastung. Ich stelle mir vor, daß dieser Krach in bundesdeutschen Schlafzimmern einige Herzinfarkte hervorrufen würde. Es scheint, als wären dies die ersten Herbststürme und die Zeit für Everestbesteigungen in diesem Jahr wohl vorbei.

Nach einem mühsamen Abstieg erfahren wir im Lager 2, daß Ralf und Sonam tatsächlich den Gipfel erreicht haben - bei diesen Verhältnissen eine bewundernswerte Leistung! Später hören wir per Funk von den beiden, daß am Südsattel bereits die ersten Zelte durch den orkanartigen Sturm plattgedrückt, zerfetzt oder davongeflogen sind!

 

Warum Höhenbergsteigen und all diese Mühen?

Da diese Frage gerade von alpinen Laien immer wieder gestellt wird, hier ein kurzer, aber nur sehr unvollständiger Erklärungsversuch für die "Eroberung des Unnützen".

Achttausenderbesteigungen sind heute viel eher möglich als vor 10 oder 20 Jahren, als diese einer ganz kleinen Bergsteigerelite vorbehalten waren. Allerdings handelt es sich dabei - egal ob privat oder kommerziell organisiert - um eine ziemlich teure Angelegenheit mit fünfstelligem DM-Betrag für jeden Teilnehmer. Natürlich entsprechen die heutigen Bedingungen und Schwierigkeiten nicht mehr denen der Erstbesteiger, aber Gepäck schleppen und erst recht hinaufsteigen muß jeder Bergsteiger immer noch selber. Das Abenteuer liegt unter diesen Umständen für den heutigen Höhenbergsteiger nicht mehr so sehr in der Ungewißheit der Route oder in schwierigen organisatorischen Problemen, sondern hauptsächlich in der persönlichen Selbsterfahrung bzw. -überwindung an der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit. Natürlich sind gute Kondition, bergsteigerische Erfahrung und Höhentauglichkeit die Grundvoraussetzung für die Besteigung eines Achttausenders oder gar des Mt. Everest. Über den Gipfelerfolg entscheiden neben dem Wetter und den Verhältnissen am Berg aber auch immer die geistige Einstellung, eine hohe Motivation und stabile Psyche. Es ist sicher nicht jedermanns Sache, soviel Zeit und Geld zu opfern, nur um wochenlang einen einzigen Berg zu belagern, noch dazu mit einem hohen Risiko, den Gipfel womöglich nicht zu erreichen oder einen gesundheitlichen Schaden zu erleiden, wenn nicht gar den Tod. Trotzdem bleibt eine Everest-Besteigung für einen guten Allroundbergsteiger eine faszinierende Herausforderung und eines der großen Abenteuer unserer Zeit.

Abschließend noch ein paar weitere Gedankensplitter zu diesem Thema: Als ich vor zehn Jahren erstmals unter dem Mt. Everest stand und zum zerrissenen Khumbu-Eisfall hinüberblickte, kam mir eine Besteigung des Berges nicht einmal als unerfüllbarer Wunschtraum in den Sinn. Daß ich jetzt fast den Gipfel erreicht habe, ist ein Beweis, wie sehr man sich bei entsprechender Motivation doch steigern und weiterentwickeln kann.

"Sein oder Haben"? Für den Preis der Expedition hätte ich mir auch ein neues Auto leisten können - Aufwand und Kosten sind gerade am Mt. Everest tatsächlich enorm. Aber die Erinnerungen an die intensiven Expeditionserlebnisse werde ich auch dann noch in mir tragen, wenn selbst ein neuer Wagen bereits wieder Schrott ist!

Viele Leute wundern sich nach meinen Expeditionen immer, wie gut erholt ich von den Strapazen der Reise und am Berg zurückkomme. Ein sonniger Sandstrand ist eben nicht die einzige Möglichkeit, sich vom Streß und der Hektik unseres Alltagslebens zu erholen. Tatsächlich fühle ich mich auf Expeditionen trotz der ganzen Anstrengungen und Anspannung seelisch im Gleichgewicht, hervorgerufen durch die Einheit von Körper und Geist bei der Aktion am Berg. Zudem übertragen sich die Ruhe und die Gelassenheit der Menschen in unserem asiatischen Gastgeberland mit der Zeit auch auf die manchmal etwas hektischen Bergsteiger. Und diese Ausstrahlung hält meist noch eine Weile zu Hause an.

Obwohl ich nicht ganz auf dem höchsten Gipfel war, bin ich trotzdem zufrieden. Auf der "Habenseite" steht z.B. eine gute Foto- und Filmausbeute, doch viel entscheidender ist das "Sein": Es war eine sehr gute Lebenserfahrung, und meine Erinnerung sagt mir, daß sich der ganze Aufwand gelohnt hat, trotz oder gerade wegen all der Mühen.

Das Ziel war wichtig, um aufzubrechen, aber dann war der Weg das Ziel.

Und so gesehen habe ich mein Ziel in jedem Fall erreicht!

 

Nachwort und Gedanken 1998

Seit unserer Expedition hat sich vieles verändert - leider eher zum Negativen: Unser Sindar Sonam Tshiring ist im Folgejahr nach seinem 5. Gipfelerfolg nicht mehr vom Berg zurückgekommen, nachdem er die erste Nepalesin zum Gipfel geführt hatte. Michel Dacher ist plötzlich an einer akuten Erkrankung zu Hause im Bett gestorben - bei professionellen (Höhen-) Bergsteigern eher eine seltene Todesart. Ein anderer Teilnehmer hat nach einem schweren Bergunfall seine berufliche Karriere modifizieren müssen. Ralf Dujmovits ist nach einem grandiosen Erfolg am K 2 mit seiner ehrgeizigen Everest-Trilogie gescheitert und nur knapp von einem größeren Unfall verschont geblieben.

Dafür aber gab es, vor allem 1995 und 1996 gleich mehrere schwere Katastrophen am höchsten Berg der Welt, der dadurch einmal mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückte. Zu diesem Zeitpunkt war eine Besteigung des Mt. Everest bereits zu einer extrem teuren Angelegenheit geworden - nur noch wenige konnten sich eine Besteigung ohne Sponsoren leisten. Zusätzlich hatten gut organisierte kommerzielle Expeditionen auch wenig erfahrene Bergsteiger erfolgreich auf den Gipfel gebracht, und plötzlich war es in bestimmten Gesellschaftskreisen "in", eine Besteigung des Mt. Everest zu versuchen. Erheblicher Aufwand an moderner Technik und "Manpower" sollten die fehlende Erfahrung und Leistungsfähigkeit der "Möchtegern-Messner" und das "kalkulierbare Risiko" in Grenzen halten. Doch die Natur und damit auch der Everest haben ihre eigene Gesetze!

Die Everest-Tragödie schlechthin entwickelte sich Anfang Mai 1996, als gleich mehrere Bergsteiger gleichzeitig bei einem Wettersturz ihr Leben verloren. Die näheren Umstände dieses Dramas wurden 1997 und 1998 durch den Bestseller des Bergautors Jon Krakauer "Into thin air" bzw. "In eisigen Höhen" auch einem breiten fachunkundigen Publikum nahegebracht. Die Namen der verunglückten, miteinander konkurrierenden Expeditionsleiter Rob Hall und Scott Fischer waren plötzlich in aller Munde, es wurde öffentlich über Kommerzialisierung am Mt. Everest, über diverse Fehlentscheidungen bzw. Verkettung unglücklicher Umstände oder aber bevorzugt über ganz persönliche Schicksale am Schnittpunkt von Überleben oder Tod diskutiert.

Parallel zum Buch sorgte ab Anfang 1998 in den IMAX-Kinos der eindrucksvolle Everest-Film in Großformat für wochenlang ausverkaufte Vorstellungen und einen sekundären Everest-Boom, auf den viele aufsprangen, wie z.B. Illustrierte, Buchverlage (auch diese überarbeitete Neuauflage hat hier ihre Ursache) oder Jon Krakauer selbst mit einem nachgestellten, aber umstrittenen Spielfilm.

Über all das ist schon sehr viel Papier beschrieben worden, auch von Journalisten, die hierfür genauso wenig qualifiziert waren wie mancher der Bergsteiger am Mt. Everest. Ich möchte mich daher auf meine eigene Erfahrung an diesem Berg und meine ganz persönliche Meinung beschränken. Erst die erwähnten Tragödien haben mich erkennen lassen, welchen Wert mein eigener Entschluß zur Umkehr am Südgipfel des Mt. Everest (8751 m) hatte. Schon direkt nach der Expedition war ich weniger stolz auf die erreichte Höhe, als darauf, daß ich trotz Südgipfel und insgesamt vier Nächten auf dem Südsattel innerhalb von einer Woche gesundheitlich keine einzige Schramme davongetragen habe. Als nichtprofessineller Allround-Bergsteiger war ich auch mit meiner alpinistischen Leistung in Verbindung mit Fotografieren, Filmen und einigen wissenschaftlichen Untersuchungen durchaus zufrieden. Eine Verbitterung, nur knapp 100 Höhenmeter unterhalb des höchsten Gipfels der Erde umgekehrt zu sein, habe ich zum Glück nie verspürt. Der Mut zur Umkehr trotz voller Sauerstoff-Flasche hat mir von vielen mehr Respekt eingetragen als ein kritikloses Weitergehen mit Scheuklappen.

Eine Everest-Besteigung bewegt sich nach wie vor an der Grenze der menschlichen Leistungsfähikeit - deshalb halte ich sie nur für sehr erfahrene und selbständige Bergsteiger mit mentalen Reserven und Selbstdisziplin gerechtfertigt. Eine starke Abhängigkeit von einem vorangehenden Bergführer, einem tragenden Sherpa oder dauernder Sauerstoffzufuhr kann dagegen lebensgefährlich werden. Sauerstoff ist meiner Meinung nach - wenn überhaupt - nur noch am Gipfeltag des Mt. Everest sinnvoll: eine deutlich höhere Todesrate bei sauerstofflosen Besteigungen oder mehr Erfrierungen sind trotz aller ethischer Bedenken gegenüber Sauerstoffbenutzung nicht wegzudiskutieren. Trotzdem bleibt Sauerstoff ein gefährliches Hilfsmittel, wenn keine "Sicherheit von innen heraus" besteht. Bei Zwischenfällen über 8000 Meter ist Hilfe von Anderen nahezu illusorisch, der Bergsteiger in dieser Höhe ist im wesentlichen auf seine eigene Leistungsstärke, Erfahrung und stabile Psyche angewiesen!

Die Tragödien am Everest haben jedenfalls diesen "Berg ohne Gnade" wieder in sein ursprüngliches Licht gerückt: Eine Besteigung bleibt trotz aller Vorsicht, Vorbereitung und heutiger Technik immer noch ein gewagtes Spiel, in dem auch die Besten vom (Wetter-) Glück und dem Wohlwollen der Götter abhängig sind!

 

© Dr. med. Walter Treibel, 2011