Schlechtwetter am K 2

DAV Karakorum Expedition - Pakistan 1991
 

Der K 2, der "Berg der Berge", ist mit 8611 m nicht nur der zweithöchste Gipfel der Welt, sondern auch der schwierigste aller 14 Achttausender. Seit der Erstbesteigung durch eine italienische Großexpedition im Jahre 1954 sind die Erfolge am K 2 ziemlich spärlich geblieben. Bisher sind trotz vieler Versuche nur knapp 70 Bergsteiger auf den Gipfel gekommen, darunter erst ein einziger Deutscher. Andererseits haben bereits 27 Menschen an diesem Berg ihr Leben verloren, im Katastrophenjahr 1986 allein 13 Expeditionsteilnehmer.

Dieser K 2 ist unser Ziel im Frühsommer 1991 - Leiter dieser anspruchsvollen Unternehmung ist der Bergführer Sigi Hupfauer, mit bisher acht erstiegenen Achttausendern einer der erfahrensten Himalajabergsteiger. Die "DAV Karakorum Expedition zum K 2" zählt sieben Teilnehmer und ist ein "gesamtdeutsches" Unternehmen. Von den drei Sachsen ist Bernd Arnold mit über 600 Erstbegehungen der weitaus erfolgreichste Kletterer im Elbsandsteingebirge, aber auch Otti und Thomi beherrschen den 10. Schwierigkeitsgrad. Thomas Mügge, der stellvertretende Leiter, und Roland aus Vorarlberg sind beide Bergführer, während ich als Expeditionsarzt dazukomme.
 

Hektische Vorbereitungen und Anreise

Die Vorbereitung für eine fast dreimonatige Expedition ist natürlich sehr umfangreich und zeitraubend. Genügend Ausrüstungsmaterial für den Berg und das Basislager, Lebensmittelvorräte, Medikamente - alles sollte dabei und von bester Qualität sein, nichts Wesentliches darf vergessen werden. Einige Firmen versorgen uns günstig mit Ausrüstung und Verpflegung, der Deutsche Alpenverein fördert uns mit einer großzügigen finanziellen Hilfe und auch die Sektion Oberland unterstützt mich mit einem Zuschuß, für den ich mich hier noch einmal bedanken möchte.

Die Expedition fängt für mich gleich gut an - im Bahnhof fährt mir der Zug vor der Nase weg! Ein schlechtes Omen? Ich komme aber trotzdem rechtzeitig nach Frankfurt, wo wir alle zusammen noch einmal deutsches Bier genießen.

In Pakistan angekommen, erledigen wir die ganzen bürokratischen Formalitäten und verschiedene Besorgungen in nur drei, allerdings sehr hektischen Tagen. In einem gecharterten Bus geht es schließlich mit all unserer Ausrüstung auf dem Karakorum Highway nach Norden - eine lange Fahrt entlang dem Indus, dem größten Fluß Pakistans, der gleichzeitig die Lebensader des Landes ist. In der Provinzhauptstadt Skardu, unserem Ausgangspunkt, gibt es nochmals viel zu tun: Grußpostkarten schreiben, Träger und Jeeps organisieren, wieder einmal Gepäck umladen usw. Schließlich werden die Geländefahrzeuge mit all unseren Tonnen, Säcken und Kanistern vollgeladen, obendrauf setzten sich noch Träger, und dann kann es losgehen.

Eindrucksvoller Anmarsch zum Basislager

Die abenteuerliche Straße führt ca. 80 km dem wilden Braldu-Fluß entlang ins Baltorogebiet. Mit 101 Trägern laufen wir dann zu Fuß weiter und genießen noch ein Vollbad in warmen Schwefelquellen am Weg - das muß für die nächsten neun Wochen reichen!

Ab der letzten Ortschaft Askole in 3000 m Höhe beginnen Wildnis und Trekkingabenteuer - wir sind die allererste Expedition des Jahres. Der Anmarsch führt teilweise über abschüssige Pfade in steilen Felshängen, die manchmal sogar echtes Klettern erfordern - für die Träger mit ihren schweren Lasten eine bewundernswerte Leistung! Auch eisigkalte und reißende Flüsse müssen durchquert werden, bevor wir den klassischen Lagerplatz Paju erreichen. Dort werden während eines Ruhetages die vier mitgetriebenen Ziegen geschlachtet, und die Träger bereiten sich mit Brotbacken auf die folgenden Gletscheretappen vor.

Danach betreten wir den über 60 km langen, meist völlig schuttbedeckten Baltorogletscher, der ins Zentrum des Karakorum führt. Hier liegt die wahrscheinlich großartigste Hochgebirgslandschaft der Welt mit wilden und hohen Gipfeln, mit senkrechten Felstürmen und steilen Eisbergen, einsam und unnahbar, fotogen und faszinierend. Bekannte Namen wie Trangotürme, Urdukas, Konkordiaplatz, Gasherbrum und Broad Peak werden erlebte Wirklichkeit.

Hier liegt Mitte Mai noch viel Schnee, die Nächte sind sehr kalt, und einige Träger bekommen gesundheitliche Probleme, z.B. mit der Höhe. Meine tägliche Sprechstunde, vor allem aber meine Kopfschmerz- und Halslutschtabletten sind ziemlich gefragt. Nach insgesamt zehn Tagen Anmarsch erreichen wir unser Basislager unterm K 2 in 5000 m Höhe. Fast drei Wochen lang sind wir hier völlig allein mit unserem ausgezeichneten Koch Ghulam Mohammed und dem sympathischen Verbindungsoffizier Safi.

Anstrengender Aufbau der Hochlager

Gleichzeitig mit dem Einrichten des Basislagers fangen wir mit Lastentransporten in die Hochlager an. Zunächst wird ein größeres Materialdepot im vorgeschobenen Basislager am Fuß des Berges angelegt. Von hier aus führt unsere Aufstiegsroute über die Abruzzirippe zuerst in steilen Schneefeldern, dann meist in Fels bzw. kombiniertem Gelände bis zum Beginn der flacheren Schneeschulter. Unser erstes Hochlager errichten wir exponiert in 6100 m Höhe. Ab da versichern wir den weiteren Aufstieg im steilen Klettergelände in langwieriger Arbeit mit Fixseilen. Dabei ist der Lastentransport der Seile, Zelte und sonstigen Ausrüstung in dieser Höhe mindestens genauso anstrengend wie die Routensuche und das Fixieren der Seile durch die jeweilige Spitzengruppe. In etwa 6600 m liegt die Schlüsselstelle der Route, der sogenannte House-Kamin im IV. Schwierigkeitsgrad, etwa 30 m lang und innen völlig vereist. Hier kommt jeder gewaltig ins Schnaufen, doch dafür erreicht man kurz danach Lager 2. Es ist sehr dem Wind ausgesetzt - davon zeugen auch Zeltreste mit eingefrorenen Stoffetzen früherer Expeditionen. Da wir völlig allein am Berg sind und alles selbst machen müssen, ist dieser anstrengende Aufstieg ein echtes Abenteuer, den wir fast wie die Erstbesteiger erleben. Obwohl in der schwierigen "Schwarzen Pyramide" über Lager 2 noch alte Seile hängen, die uns die Orientierung erleichtern, wird jeder einzelne von uns ziemlich gefordert, bis schließlich unsere Fixseile bis zur Schulter in 7300 m Höhe reichen.

Schlechtwetter und andere Probleme

Die Vorarbeit ist damit getan, doch das Glück läßt uns jetzt im Stich. Zuerst wird ein Teilnehmer der Expedition ernsthaft krank und braucht einige Medikamente und Ruhetage, bis er sich wieder erholt hat. Doch der gleiche Pechvogel erkrankt wenig später noch einmal so stark, daß er zum Bergsteigen nicht mehr fit ist und letztendlich sogar die Expedition vorzeitig abbrechen muß.

Uns anderen geht es aber auch nicht viel besser. Einmal sitzen wir bei einer fürchterlichen Schlechtwetterperiode eine ganze Woche lang im Basislager fest - die einzige Abwechslung dabei sind Lesen, Schreiben und Essen! Danach wird das Wetter zwar wieder besser, aber immer nur kurzfristig. Es herrscht teilweise Lawinengefahr und um die Schulter des K 2 hängt sich häufig eine Schneewolke fest, die uns völlig die Orientierung nimmt, während in der Gipfelregion auch bei Sonnenschein meist ein orkanartiger Wind mit riesigen Schneefahnen bläst. Bei einem Erkundungsvorstoß stellen wir zudem fest, daß einige Zelte im Lager 1 und 2 durch den Sturm zerstört sind und repariert bzw. ersetzt werden müssen. Dieser Rückschlag, die konstant schlechten Verhältnisse am Berg und der lange Aufenthalt in großer Höhe lassen von Woche zu Woche allmählich unseren Auftrieb sinken. Zum Schluß sind wir heilfroh, daß wir wenigstens unsere wertvolle Ausrüstung aus den Lagern und dem Depot auf der Schulter wieder herunterholen können!

Der K 2 hat uns in der ganzen Zeit nicht eine einzige Chance für einen Gipfelvorstoß gegeben - jetzt verstehen wir auch, warum so viele vor uns an diesem gewaltigen Berg gescheitert oder gar umgekommen sind. Später erfahren wir, daß zur gleichen Zeit von insgesamt 20 Expeditionen in ganz Pakistan überhaupt nur zwei erfolgreich waren - und das an niedrigeren und leichteren Bergen.

Rückmarsch und Resümee

So brechen wir nach insgesamt sieben Wochen unser Basislager wieder ab und machen uns auf den Rückmarsch in die Zivilisation. Trotz Frustration einzelner Expeditionsmitglieder wäre es aber sicher nicht nötig gewesen, den eindrucksvollen Weg über den Baltorogletscher und die wilde Bralduschlucht in nur dreieinhalb Tagen in einem regelrechten Gewaltmarsch hinauszuhetzen. Dies hat die ohnehin schon angespannte Atmosphäre innerhalb der Mannschaft nicht gerade verbessert.

Es ist bekannt, daß es bei Expeditionen gehäuft zu grundlegenden Differenzen kommen kann, gerade wenn extreme Individualisten unter schwierigen Bedingungen wochenlang auf engstem Raum zusammenleben müssen. Diese Erfahrung mußten auch wir machen und es zeigte sich, daß bei einer solchen Unternehmung die menschlichen Qualitäten letztendlich wichtiger sein können als etwa eine Bomben-Kondition oder langjährige Expeditionserfahrung.

Trotz mancher Enttäuschung hat mir die Expedition aber viel Neues und Positives gebracht: intensive Erfahrungen und Erlebnisse, großartige Landschaften, lange Gespräche unter Freunden, tieferes Verständnis für andere Menschen und Kulturen sowie weitere bergsteigerische Pläne und Träume ...

Ich werde sicher einmal wieder ins Karakorum fahren!

Teilnehmer:

Bernd, 44 Jahre
Hupfauer Sigi, 50 Jahre, Expeditionsleiter
Mattle Roland, 32 Jahre
Mügge Thomas, 34 Jahre, stellv. Leiter
Otto Steffen, 32 Jahre
Treibel Walter Dr., 35 Jahre, Expeditionsarzt
Türpe Thomas, 30 Jahre

 

Nachtmarsch - Abenteuer in der Braldu-Schlucht

Es ist schon dunkel, als wir endlich müde vom Gletscher in Paju ankommen, Thomi und ich haben heute bereits drei Tagesetappen zurückgelegt, und unsere beiden Träger sind - genau wie wir - ziemlich geschafft. Wie schön wäre es, jetzt endlich auszuruhen, zu essen und zu schlafen! Wir zwei aber müssen weiter - wollen die anderen unbedingt einholen. So schultern wir unsere Rucksäcke wieder selbst und brechen auf - es ist halb neun Uhr abends und eine weitere Tagesetappe liegt vor uns! Zunächst geht es noch flott voran, der Weg schimmert eben im Dunkeln, doch bald stecken wir in riesigen Schotterfeldern mit vielen Erosionsgräben. Schon bei Tag war es hier schwierig, auf dem richtigen Pfad zu bleiben - und jetzt haben wir nur eine Taschenlampe und keine Ersatzbatterien! So benutzen wir sie nur sporadisch, wenn wir nicht mehr weiterwissen.

Die Augen müssen sich jedesmal neu auf Hell und Dunkel umstellen - ausgerechnet heute scheint kein Mond, und das Sternenlicht ist schwach. Immer öfter verlieren wir den Weg, laufen deshalb querfeldein weiter, manchmal einfach dem am Boden liegenden Telefonkabel nach. So geht es nur mühsam voran und unser Tempo wird immer langsamer. Weglos erreichen wir einen reißenden Bach - kein Steinmann weit und breit, lange suchen wir den besten Übergang, bachaufwärts und bachabwärts. Hier hätte ich beinahe gestreikt, aber Thomi ist noch voller Auftrieb, watet barfuß durch das eiskalte Wasser voraus - und ich folge ihm. Unsere Rucksäcke drücken immer mehr, und Stunde um Stunde verrinnt, längst haben wir das Gefühl für die Zeit, aber auch für den Raum, verloren.

Sind wir hier schon jemals gewesen? Wir können uns nicht mehr erinnern, laufen schweigend weiter, halb automatisch und in Gedanken versunken: "Warum müssen die vor uns auch so grundlos rennen wie Verrückte?" Ärger steigt hoch über das hektische Tempo des Expeditionsleiters. Später verschwindet jede Emotion - der Kopf ist leer, die Beine schwer. Mitternacht ist längst vorüber, aber es kümmert uns nicht, ist bedeutungslos. Manchmal balancieren wir dicht am brüllenden Braldu-River über Felsblöcke, denn das Flußbett - der bequeme Anmarschweg ist jetzt völlig unter Wasser. Dann wiederum müssen wir in steile Schutt- und Felshänge ausweichen, schon bei Tageslicht sehr unangenehm, doch jetzt wird es kritisch. Immer wieder drehe ich mich um und beleuchte Thomi den abschüssigen Weg, zeitweise müssen wir regelrecht klettern, konzentriert mit Händen und Füßen, das Tosen des Flusses unter uns unterstreicht die Gefahr eines Abrutschens. Endlich wieder auf ebenem Grund, wir trotten erleichtert der Pfadspur nach.Aber der Weg will kein Ende nehmen, wir bewegen uns nur noch in Trance. Plötzlich stoppt mich Thomi unvermittelt: "Da waren doch Zelte!" Tatsächlich - hinter uns liegt das ersehnte Nachtlager der anderen.

Ich bin glatt fünf Meter daneben schlafwandelnd vorbeigelaufen, habe die Zelte und das Gepäck einfach nicht mehr registriert. Es ist halb drei Uhr - wir sind sechs Stunden durch die Nacht gestolpert, haben insgesamt vier volle Tagesetappen in 23 Stunden zurückgelegt. Viel zu müde, um darauf stolz zu sein, fallen wir in den Schlaf. Nur eineinhalb Stunden später wecken uns die anderen - es geht weiter. Das ist das Abenteuer, das wir auf der Expedition gesucht haben!

© Dr. med. Walter Treibel, 2011