Cho Oyu und Tibet 1990

Nepal, Tibet und ein Achttausender

Wieder einmal habe ich die Gelegenheit, Hobby und Beruf miteinander zu verbinden, und gehe im Frühjahr 1990 als Expeditionsarzt mit der DAV Berg- und Skischule zum Cho Oyu im nepalesisch-tibetischen Grenzgebiet. Dieser Gipfel wurde erstmals 1954 von einer österreichischen Klein-Expedition unter der Leitung von Herbert Tichy bestiegen - für die damalige Zeit eine herausragende Leistung.

Anreise und Vorbereitungen

Von Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, fährt unsere 34-köpfige Expeditionsmannschaft mit sechs Sherpas auf einer von den Chinesen erbauten Straße über die Grenze ins Hochland von Tibet, um den Berg von Norden her zu erreichen. Zwei Wochen nach unserem Start von Frankfurt kommen wir, zuletzt mit Hilfe von Yaks, in unserem Basislager in 5350 m Höhe an. Hier verbringen wir die nächsten drei Wochen in einer ziemlich unwirtlichen Gegend mit vielen Braun-, Grau- und Weißtönen, aber fast ohne Grün. Daß wir dies ohne Lagerkoller gut überstehen, liegt zum Teil auch an den Künsten unseres nepalesischen Kochs Dirdar, der sogar riesige Torten fabriziert - und dies alles ohne Backofen! Auf der anderen Seite ergänzt sich in der Expeditionsleitung das Organisationstalent von Günther Härter vom DAV Summit Club ideal mit der fachlichen Autorität von Sigi Hupfauer, einem der erfahrensten Himalaya-Bergsteiger.

Unser 1. (Hoch-) Lager in ca. 5800 m Höhe am Fuße des Cho Oyu liegt auf einem völlig schuttbedeckten Gletscher neben einigen wilden Eistürmen und kleinen Gletscherseen in einer eindrucksvollen Hochgebirgslandschaft. Von dort aus schleppen wir mit Hilfe einiger Sherpas und Tibeter Gepäck bis auf ca. 6600 m Höhe, bevor wir alle wieder ins Basislager absteigen und dort einen ersten Gipfelvorstoß planen. Vor dem Abmarsch aber feiern unsere Sherpas ein buddhistisches Opferfest, um die Götter für unser Vorhaben gnädig zu stimmen. Dabei wird unter den murmelnden Gebeten eines Sherpas auch ein langes Seil mit Gebetsfahnen quer über unser Basislager gespannt - für jeden Expeditionsteilnehmer eine eigene.

Gipfelanstieg

Nach dieser Zeremonie bricht die erste Gruppe zum Gipfel auf. Vom Lager 1 schinden wir uns mit schwerem Gepäck über steilen, sehr unangenehmen Schutt, den sogenannten "Killerhang", zum Beginn eines Schneegrates hinauf und errichten etwas höher Lager 2. Am nächsten Morgen bewältigen wir - weiterhin schwer beladen - die technische Schlüsselstelle der Route, einen mit Fixseilen versicherten Steilhang, der durch einen kurzen Eistunnel über den sperrenden Gletscherabbruch führt. In etwa 7000 m Höhe machen sich die Anstrengungen und die noch nicht vollständige Akklimatisation immer mehr bemerkbar, so daß die meisten unserer Gruppe ihr Gepäck deponieren und wieder absteigen. Es bleiben nur noch die sechs Stärksten übrig, die in etwa 7200 m Lager 3 errichten.

Um 2.30 Uhr brechen wir mit Günther Härter an der Spitze bei völliger Dunkelheit auf, wobei wir uns ziemlich langsam und mühsam höherkämpfen. Für die 1000 m Aufstieg bis zum Gipfel brauchen wir etwa acht Stunden. Als ich schließlich ziemlich ausgelaugt den 8201 m hohen Cho Oyu, den sechshöchsten Berg der Welt, erreiche, verspüre ich wegen der großen Erschöpfung noch keine rechte Gipfeleuphorie, zumal der nicht ungefährliche Abstieg trotz bleierner Müdigkeit weiterhin volle Konzentration erfordert.

Nach mir erreicht noch ein weiterer Teilnehmer den Gipfel, während der letzte der Gruppe unterhalb 8000 m zurückgeblieben ist. Wie ich schließlich beim Abstieg feststelle, ist er höhenkrank und kann aufgrund eines Hirnödems nur noch sehr mühsam und unkontrolliert laufen. In 7700 m Höhe spritze ich ihm deshalb das stark wirksame Notfall-Medikament Kortison. Die Ampulle ist halb eingefroren, die verstopfte Nadel muß ich mit dem Mund freiblasen, und die Injektion ist in der Kälte alles andere als einfach, so daß ich schließlich den Rest des Mittels einfach durch sämtliche Kleider hindurch in die Oberschenkelmuskulatur spritze. Wahrscheinlich rettete ihm dies zusammen mit einer weiteren, noch stärkeren Spritze im Lager 3 das Leben. Nach einer sehr sturmreichen Nacht erreichen wir am nächsten Tag das Basislager, wo wir von den anderen gefeiert und beglückwünscht werden.

Ausklang und Fahrt nach Lhasa

Die Chancen für eine weitere Besteigung stehen zunächst sehr schlecht, da ein orkanartiger Sturm mehrere unserer Hochlagerzelte mit wertvoller Ausrüstung einfach davonweht und das Wetter unbeständig bleibt. Dennoch startet zum letztmöglichen Termin eine größere Gruppe zu einem zweiten Versuch. Dank der vorzüglichen Leitung von Sigi Hupfauer und etwas Glück erreichen insgesamt 15 Bergsteiger, darunter 2 Frauen und der Sherpa Nawang, gleichzeitig den Gipfel des Cho Oyu - ein einmaliger Rekord in der Geschichte des Himalayabergsteigens! Unsere Expedition ist mit insgesamt 20 Gipfelbezwingern außergewöhnlich erfolgreich, zumal sie auch unfallfrei verläuft.

Den würdigen Abschluß dieser Tour bildet eine kurzfristig organisierte Reise durch Tibet bis zur Hauptstadt Lhasa. Nach dem wochenlangen Aufenthalt in Schnee, Eis und Geröll wirken die landschaftlichen Eindrücke dieses etwas kargen Hochlandes doppelt auf uns: Wir können uns kaum sattsehen an den zarten Farben des Frühlings, den vielen schmucken Dörfern, den gerade bestellten Feldern und den grünen Wiesen. Alte Klosteranlagen und die tiefgläubigen Tibeter selbst hinterlassen in uns einen unauslöschlichen Eindruck dieser völlig fremden, aber doch so sympathischen und friedfertigen Kultur. Zwei Tage Aufenthalt in Lhasa, dem einstigen Sitz des Dalai Lama, zeigen uns aber die andere, negative Seite der politischen Wirklichkeit. Dieses geistige und kulturelle Zentrum des Landes wurde von den Chinesen ziemlich verändert. Lediglich der Potala-Palast, in dem der Dalai Lama residierte, überragt nach wie vor majestätisch die Stadt.

Ein Flug entlang des Himalaya-Hauptkamms mit fantastischer Aussicht auf insgesamt sechs Achttausender bringt uns zurück nach Kathmandu. Noch einmal sehen wir dabei "unseren" Cho Oyu und freuen uns über diesen Gipfelerfolg.

Resümee

Achttausenderbesteigungen sind heute viel eher möglich als vor 10 oder 20 Jahren, als diese einer ganz kleinen Bergsteigerelite vorbehalten waren. Allerdings handelt es sich dabei - egal ob privat oder kommerziell organisiert - um eine ziemlich teure Angelegenheit mit fünfstelligem DM-Betrag für jeden Teilnehmer. Natürlich entsprechen die heutigen Bedingungen und Schwierigkeiten nicht mehr denen der Erstbesteiger, aber Gepäck schleppen und erst recht hinaufsteigen muß jeder Bergsteiger immer noch selber. Das Abenteuer liegt unter diesen Umständen für den "normalen" Höhenbergsteiger heute nicht mehr so sehr in der Wahl der Route oder in organisatorischen Problemen, sondern in der Selbsterfahrung bzw. -überwindung der eigenen Person, denn eine Achttausender-Besteigung wird immer ein Herangehen an die eigene Leistungsgrenze sein. Natürlich sind gute Kondition, bergsteigerische Erfahrung und Höhentauglichkeit die Grundvoraussetzung für die Besteigung eines Achttausenders. Über den Gipfelerfolg entscheiden neben dem Wetter und den Verhältnissen am Berg aber auch die geistige Einstellung, eine hohe Motivation und eine stabile Psyche. Es ist sicher nicht jedermanns Sache, soviel Zeit und Geld zu opfern, nur um wochenlang einen einzigen Berg zu belagern, noch dazu mit einem hohen Risiko, den Gipfel womöglich nicht zu erreichen oder gar einen gesundheitlichen Schaden davonzutragen. Trotzdem bleibt eine Expedition in große Höhen für einen guten Allroundbergsteiger eine faszinierende Herausforderung und eines der großen Abenteuer unserer Zeit.

 

Warum Höhenbergsteigen und Expeditionen?

Da diese Frage gerade von alpinen Laien, aber auch von "normalen", nicht extremen Bergsteigern immer wieder gestellt wird, folgt ein kurzer, aber nur sehr unvollständiger Erklärungsversuch für die "Eroberung des Unnützen".

Achttausenderbesteigungen sind heute viel eher möglich als vor 10 oder 20 Jahren, als diese einer ganz kleinen Bergsteigerelite vorbehalten waren. Allerdings handelt es sich dabei - egal ob privat oder kommerziell organisiert - um eine ziemlich teure Angelegenheit mit fünfstelligem DM-Betrag für jeden Teilnehmer. Natürlich entsprechen die heutigen Bedingungen und Schwierigkeiten nicht mehr denen der Erstbesteiger, aber Gepäck schleppen und erst recht hinaufsteigen muß jeder Bergsteiger immer noch selber. Das Abenteuer liegt unter diesen Umständen für den heutigen Höhenbergsteiger nicht mehr so sehr in der Ungewißheit der Route oder in schwierigen organisatorischen Problemen, sondern hauptsächlich in der persönlichen Selbsterfahrung bzw. -überwindung an der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit. Natürlich sind gute Kondition, bergsteigerische Erfahrung und Höhentauglichkeit die Grundvoraussetzung für die Besteigung eines Achttausenders. Über den Gipfelerfolg entscheiden neben dem Wetter und den Verhältnissen am Berg aber auch immer die geistige Einstellung, eine hohe Motivation und stabile Psyche. Es ist sicher nicht jedermanns Sache, soviel Zeit und Geld zu opfern, nur um wochenlang einen einzigen Berg zu belagern, noch dazu mit einem hohen Risiko, den Gipfel womöglich nicht zu erreichen oder gar einen gesundheitlichen Schaden davonzutragen. Trotzdem bleibt eine Expedition in große Höhen für einen guten Allroundbergsteiger eine faszinierende Herausforderung und eines der großen Abenteuer unserer Zeit.

 

Expeditionsstatistik

Expeditionsleiter: Härter Günther, 36, und Hupfauer Siegfried, 49

Teilnehmer: Hupfauer Gabriele, 43 Scheuermann Rudolf, 50
Binder Gerhard, 49 Kellner Paul, 58 Schmitz Uwe, 50
Blank Peter, 30 Knauer Egon, 51 Sontheimer Anton, 48
Bruhn Dieter, 49 Kurze Gerhild, 36 Stark Franz, 29
Deininger Robert, 29 Lindebner Gottfried, 42 Thiele Karl-Heinz, 52
Deiser Erwin, 55 Müller Reinhard, 39 Treibel Dr. Walter, Arzt, 34
Fuchs Werner, 47 Philipp Eberhard, 50 Tschofen Josef, 41
Funkler Werner, 52 Porsche Dieter, 35 Westphal Dr. Klaus, Arzt, 32
Giepen Klaus, 48 Rössner Harald, 32 Wolfsgruber Hildegard, 30
Goldberger Karl, 36 Schefzig Dr. Gerhard, 52 Zehetleitner Udo, 51
Hochstuhl Bertold, 48 Scheuermann Herbert, 47 Zöll Karl, 52

Sherpas: Lhakpa (Sirdar), Dirdar (Koch), Nawang, Ghanza Pasang, Ghanza, Pasang

Zeit: Expeditionsdauer 27.4. - 8.6.1990, Gipfeltag 1. Gruppe: 19.5.1990, 2. Gruppe: 26.5.1990

© Dr. med. Walter Treibel, 2011