1989 Indien: Don´t worry, be happy!

Erstes Internationales Himalayacamp der UIAA in Indien

 

Hat es das schon einmal in der Geschichte des Bergsteigens gegeben? Eine internationale Expeditionsmannschaft mit 28 Bergsteigern zwischen 18 und 56 Jahren, aus 9 verschiedenen Ländern und insgesamt 18 Sprachen sprechend, aus 3 Kontinenten kommend und alle 4 großen Weltreligionen repräsentierend!

Können die unterschiedlichen Kulturen und Mentalitäten dieser so heterogenen Gruppe jemals auf einen Nenner gebracht werden? Ist nicht durch Sprachschwierigkeiten und Mentalitätsunterschiede das Chaos bereits vorprogrammiert? Ich bin vor der Expedition jedenfalls etwas skeptisch, gehe aber im August 1989 als Expeditionsarzt und als einziger deutscher Teilnehmer bei diesem kulturell so bedeutsamen Unternehmen mit. Ziele dieser Trainingsexpedition, die auf die Initiative des internationalen Bergsteigerverbandes (UIAA) zurückgeht, sind die Förderung von jungen Bergsteigern und eine Verständigung zwischen Teilnehmern verschiedener Nationen und Kulturen.

Die Mannschaft besteht aus dem erfahrenen griechischen Expeditionsleiter Mike, der mit dem indischen "Overall leader" Mr. Hukam Singh durchaus nicht immer einer Meinung ist. Aus Amerika kommt der Yosemite-Kletterer Tom, aus dem Iran der kaum englisch sprechende Mohammad, aus Europa kommen drei sehr junge französische Sportkletterer und drei konditionsstarke Holländer, die beiden Bozener Jugendleiter Michl und Much, der deutschsprechende Grieche Stavros sowie der älteste Teilnehmer, der 56-jährige Bergführer Jordi aus Spanien. Die gastgebenden Inder stellen ebenfalls drei "Mountaineering Instructors" und die einzige Frau der Expedition. Von den weiteren 10 indischen Teilnehmern sind die meisten Mitglieder des Bergsteigerclubs von Kaschmir. Als Basislagermannschaft begleiten uns ein einheimischer Koch mit seinen zwei Gehilfen, ein Küchenmanager, ein Funkoffizier sowie ein indischer Armeearzt.

Nach den letzten Vorbereitungen in Srinagar, der Hauptstadt Kaschmirs, erreichen wir in zwei Tagen unseren Ausgangspunkt direkt neben dem Suru-River. Wir brauchen fast einen ganzen Tag, um unser über zwei Tonnen schweres Expeditionsgepäck nach anfänglichen Fehlschlägen ans andere Ufer dieses reißenden Flusses zu schaffen. Anschließend wird unser gesamtes Gepäck in mehreren Etappen auf den Rücken von zähen Bergpferden bis zum 4400 m hohen Basislager weitertransportiert. Bei noch mangelnder Höhenanpassung legen wir als nächstes auf 5400 m Höhe unser erstes Hochlager an, als Ausgangspunkt für den fast 6600 m hohen, formschönen Gipfel der White Needle. Er ist technisch nicht allzu schwierig und wird im Laufe der nächsten Tage bei anhaltend schönem Wetter von fast allen Teilnehmern in verschiedenen Gruppen bestiegen - ein sehr schöner Erfolg!

Natürlich gibt es auch einige organisatorische Schwierigkeiten, v. a. bei der Verpflegung und Ausrüstung. Gestohlene oder nicht funktionierende Benzinkocher sorgen für einen deutlich spürbaren Engpaß beim Kochen in den Hochlagern. Die Basislagerverpflegung nach indischen Armeemaßstäben ist für die Europäer viel zu einseitig: tagtäglich nur Reis, mit sehr geringen Variationen bei Zubereitung und Beilagen. Den Ausländern bleiben Durchfälle keinesfalls erspart, sodaß manche durch diese Verdaungsprobleme ziemlich geschwächt sind. Mehrere Teilnehmer haben anfänglich auch Schwierigkeiten mit der ungewohnten Höhe. Trotz all dieser Probleme kommen wir mit der ungewohnten Situation gut zurecht, da wir nach dem von uns erkorenen Expeditionsmotto leben und handeln: "Don't worry, be happy!"

Am Ende der 2. Woche finden sich die acht stärksten und motiviertesten Teilnehmer zu einem weiteren gemeinsamen Gipfelversuch im reinen Westalpenstil zusammen. Von unserem 2. Hochlager in 6200 m Höhe starten wir in aller Frühe zum 7089 m hohen Kun, der 1913 zum ersten Mal bestiegen wurde. Unsere erfolgreiche Gipfelmannschaft besteht zufällig paritätisch aus je vier Europäern und Asiaten: Die drei Inder (ein Hindu, ein mohammedanischer Kaschmiri und ein buddhistischer Ladakhi) repräsentieren genau die verschiedenen Kulturen und Religionen dieser Region. Von den restlichen Gipfelstürmern kommen drei aus Holland und je einer aus dem Iran bzw. aus Deutschland - eine echte Weltseilschaft!

In der noch verbleibenden Zeit beschäftigen wir uns ausführlich mit der Planung, Organisation und Finanzierung von Expeditionen und besichtigen einige Sehenswürdigkeiten. In Srinagar werden wir sogar vom Tourismusminister empfangen und vom Fernsehen gefilmt. Und dann löst sich innerhalb weniger Tage die Expedition auf, und die Teilnehmer verstreuen sich wieder in ihre Heimat in aller Welt.

Bergsteigerisch ist die Expedition ein großer Erfolg, da bis auf einen einzigen Teilnehmer alle mindestens einen Gipfel erreichen, der noch dazu für nahezu jeden der höchste wird. Persönlich bin ich über das verantwortliche Mitgestalten dieses Unternehmens als "Mountaineering Instructor" genau so zufrieden wie über das Erreichen eines Siebentausenders.

Ganz entscheidend für das durchaus nicht selbstverständliche Gelingen des Experimentes "Internationale Expedition" ist das gute Verstehen der Teilnehmer untereinander. Ein Grund hierfür liegt wohl in der jugendlichen Begeisterung, Offenheit und Flexibilität der Expeditionsmitglieder, deren Durchschnittsalter nur etwa 25 Jahre beträgt. Als wichtigste Erfahrung des ganzen Unternehmens möchte ich das gute und lehrreiche Zusammenleben von Bergsteigern so unterschiedlicher Kulturen und Denkweisen bezeichnen. Vorher völlig Unbekannte werden zu Seilpartnern und Bergkameraden - es entwickeln sich sogar echte Freundschaften rund um den Globus. Dies ist sicherlich der größte Erfolg dieser Expedition.

 

Expeditions - Erinnerungen

  • Mit dem Amerikaner Tom Zelt, Essen, Gedanken und Erfahrungen geteilt,
  • mit dem indischen "Overall leader" Hukam Singh lange Diskussionen geführt,
  • mit dem griechischen Expeditionsleiter Mike Vorgehen und Taktik besprochen,
  • vergeblich versucht, der Inderin Santosh die Anrede "Sir" abzugewöhnen,
  • mit "Dolomiti", dem Südtiroler Michl, um einen Kasten Bier gewettet,
  • meinen höhenkranken indischen Arztkollegen Ray mit Tabletten behandelt,
  • mit dem Spanier Jordi Film- und Expeditionserfahrungen ausgetauscht,
  • den ladakhischen Verbindungsoffizier Smanla um seine Kondition beneidet,
  • mit dem Holländer Ray Verhaltensweisen auf Expeditionen analysiert,
  • die Einheimischen Andrabi und Mir beim Ziegenschlachten fotografiert,
  • mit den 3 jungen Franzosen über Paragliding und Sportklettern diskutiert,
  • mit dem indischen Bergführer Rajeev bergsteigerische Einstellung geteilt,
  • dem Griechen Stavros über Funk medizinische Ratschläge auf Deutsch gegeben,
  • mit Bala, dem kaschmirischen Organisator, Verpflegungsprobleme diskutiert,
  • mit dem 18-jährigen "Chamonix" Sylvain viel Spaß und Gelächter gehabt,
  • einem der Köche den schmerzenden kariesdurchlöcherten Backenzahn gezogen,
  • mit einem Kaschmiri und einem Iraner auf 6200 m Höhe das Zelt geteilt,
  • beim Gipfelaufstieg fotografiert, gefilmt und zum Basislager gefunkt,
  • mit 3 Holländern und 4 Asiaten den Siebentausender Kun erreicht,
  • den erkrankten Mohammad beim Gratabstieg behandelt und gesichert,
  • am Ende der Expedition keinen Reis mehr sehen oder gar essen können,
  • in einem chinesischen Restaurant das gute Gelingen der Expedition gefeiert,
  • vom Tourismusminister in Srinagar empfangen und beglückwünscht worden,
  • zusammen mit Tom ein langes Radio-Interview auf Englisch gegeben,
  • im Haus des Studenten Moshin über Geschichte und Zukunft Kashmirs geredet,
  • beim Rückflug große Schwierigkeiten mit meinem ganzen Übergepäck gehabt,
  • vom freundlichen Inder "Sammy" zu Hause den ersten Brief erhalten,
  • neue Denkweisen, Probleme, Einsichten und Freundschaften erfahren ...

Das alles und noch viel mehr bleibt in meinem Gedächtnis haften.

 

Name, Alter und Herkunft der UIAA-Expeditionsmitglieder 1989

 

Expeditionsleiter:
Hukam Singh, 51, India

Michail Tsoukias, 33, Greece

Internationale Instruktoren:
Jordi Pons, 56, Spain


Dr. Walter Treibel, 33, Germany

Indische Instruktoren:
Tsewang Smanla, 33, J & K

Internationale Teilnehmer:
Franck v.d. Barselaar, 24, Holland
Raymond Cornips, 25, Holland
Sylvain Gattini, 18, France
Thomas Hayes, 26, USA

Stavros Lazarides, 21, Greece
Michael Mahlknecht, 27, Italy
Frederic Prieur Blanc, 21, France
Mohammad Reza, 30, Iran
Frank Schmidt, 25, Holland
Pascal Serra, 20, France
Michael Vonmetz, 24, Italy
 

 

 

Indische Teilnehmer:
Miss Santosh Yadav, 21, Haryana

 

  Harbhajan Singh, 32, India

 Chandra Mohan Sharma, 30, J & K

Satish Nair, 28, Kerala

Arshad Andrabi, 33, J & K

 Fayaz Ahmad Bala, 30, J & K

 Naseer Ahmad Mir, 30, J & K

Gulam Mohammad Dar, 27, J & K

Rajeev Sharma, 35, J & K  Agay Dubey, 25, J & K

 Moshin Rashid, 22, J & K

Ranveer Singh Negi, 25, India  Shveyb Omer, 19, J & K

Basislager Team:

Dr. Bhaskar Ray, Kashmir Singh, Mohammad Ahad, Mohi U-Din, Bashir, Wany Showkat

© Dr. med. Walter Treibel, 2011