Mount Mc Kinley - Skiüberschreitung


Es fing gleich gut an: 4 Stunden Verspätung am Flughafen München wegen Maschinenschadens, deshalb Anschlußflug in Brüssel verpaßt, stattdessen Umleitung nach New York, wegen eines Instrumentendefekts über dem Atlantik noch einmal umgekehrt, im 2. Anlauf in den USA, nach Hotelübernachtung Weiterflug über Salt Lake City, dort wieder 6 Stunden Wartezeit, da 3. Schaden am 3. Flugzeug. Nach mehr als einem Tag Verspätung und doppelter Flugstrecke endlich in Anchorage/Alaska angekommen - von da an konnte unsere wackere Siebener-Gruppe nichts mehr erschüttern!

In Anchorage werden die letzten Einkäufe erledigt, dann geht es nach Talkeetna, dem üblichen Ausgangspunkt für eine Mount McKinley - Besteigung. Nach Umpacken und Anmelden bei der Ranger Station genießen wir einen herrlichen Flug zum Basislager in ca. 2200 Meter Höhe. Noch am selben Tag laufen wir los. Wir haben ca. 40 Kilogramm Gepäck pro Person, inklusive Verpflegung für 20 Tage, dabei. Etwa die Hälfte davon ziehen wir jeweils abwechselnd zu zweit auf einem Plastikschlitten hinter uns her. Auf dem anfänglich flachen Kahiltna-Gletscher geht das sehr gut, im steileren Gelände wird es allerdings zur Schwerarbeit. Am 2. Tag überrascht uns ein "white out", d.h. Schneetreiben ohne jede Sicht. Wir gehen trotzdem mit Karte und Kompaß in 2 Seilschaften weiter, verlieren uns allerdings im Nebel und übernachten deshalb in getrennten Lagern. Ab dem 3. Tag fangen wir wegen der Steilheit des Geländes an, unsere Lasten in 2 Etappen zu transportieren, d.h. es wird oberhalb des Lagers zunächst ein Gepäckdepot angelegt und am nächsten Tag der Rest hinaufgetragen. Durch dieses System kommen wir auch zu schönen Tiefschneeabfahrten.

Bereits am 4. Tag erreichen wir nach "Windy Corner" das Hauptlager auf ca. 4300 m Höhe. Für Helmut, unseren Jüngsten ohne Expeditionserfahrung, ist dieser Aufstieg zu schnell und er bekommt Höhenprobleme, so daß ich ihm vorsorglich Medikamente gebe. Nach einer ziemlich kalten Nacht (ca. -30 Grad Celsius) stellt ein das Lager betreuender Höhenmediziner bei ihm ein beginnendes kleines Lungenödem fest, das zusätzlich zu den Tabletten über Nacht mit Sauerstoffgabe behandelt wird. Zu Forschungszwecken wird Helmut auch in einen großen Plastiksack mit erhöhtem Luftdruck gelegt, wobei dieser allerdings während des Experimentes platzt! Helmut kommt jedoch mit dem Schrecken davon.

Zu sechst errichten wir sodann ein Ausrüstungsdepot in 5200 m Höhe am oberen Ende des West Buttress (Westgrat), wo gerade 2 Verletzte mit einem Hubschrauber ausgeflogen werden. Wegen des ermüdenden Lastenschleppens und zur besseren Akklimatisation legen wir dann einen Ruhetag ein. Danach ist auch Helmut wieder so weit erholt, daß wir zusammen den weiteren Aufstieg wagen können. Wieder geht es sehr anstrengend den oben mit Fixseilen ausgestatteten Steilhang zum West Buttress hinauf und schließlich seilfrei - die Skier tragend - über den teilweise ausgesetzten Grat zum Hochlager.

Am nächsten Tag (dem 9. seit unserem Start) ist das Wetter schön, und wir brechen am späten Vormittag zum Gipfel auf. Der Anstieg zum Denalipaß liegt noch im Schatten, deshalb gibt es bei einigen Probleme mit kalten Zehen oder Fingern. Dann geht es meist am Grat weiter, oben durch eine große Mulde und schließlich nach dem steilen Schlußhang die letzten Meter wieder am Grat entlang bis zum Gipfel. Wir haben es geschafft und stehen nach knapp 5 Stunden Aufstieg am höchsten Punkt des nordamerikanischen Kontinents in 6154 m Höhe. Die Aussicht ist großartig, wenn auch teilweise von Wolken verhüllt. Die Temperatur beträgt hier -26 Grad Celsius; das ist relativ warm für den kältesten Berg der Welt, und so halten wir uns ziemlich lange am Gipfel auf, bis wir zufrieden ins Hochlager zurückkehren.

Am nächsten Tag warten wir, bis der Aufstiegsweg zum Denalipaß am Nachmittag in der Sonne liegt. Der Aufstieg ist trotzdem brutal: Die in dieser Höhe viel zu schweren Rucksäcke wiegen nämlich über 30 kg (gesamte Ausrüstung mit restlicher Verpflegung sowie Skiern), und unsere geplante Überschreitung wäre hier deshalb beinahe gescheitert. Wir transportieren unser Gepäck schließlich in 2 Etappen auf den eisigkalten Paß in über 5500 m Höhe. Dann geht es nach einer kurzen Rast angeseilt über 2 Gletscherbrüche auf betonhartem Schnee abwärts - Skifahren kann man unser langsames Hinuntertasten allerdings nicht nennen. Deshalb erreichen wir unseren nächsten Lagerplatz erst um 11 Uhr abends, aber hier oben im hohen Norden ist es um diese Zeit noch immer hell. Unser Jüngster ist so müde, daß er mit der Anseilkombination in den Schlafsack kriecht und so übernachtet.

Über Nacht und am nächsten Morgen schneit es fast einen halben Meter. Da aber ab Mittag wieder die Sonne scheint, geht es zu Fuß über einen langen, steilen und teilweise ausgesetzten Firngrat (Karstens-Ridge) hinunter. Dieser phantastische Abstieg in einer großartigen Umgebung wird für alle ein Höhepunkt der Bergsteigerlaufbahn. Auf dem anschließenden Muldrow-Gletscher treffen wir 3 Amerikaner, die seit fast 3 Wochen auf dieser Bergseite unterwegs sind, aber wegen Verpflegungs- und Benzinmangel nur bis zum Denalipaß gekommen sind. Wir helfen ihnen mit unserem Proviant aus und machen uns gemeinsam auf den schwierigen Weiterweg durch 2 stark zerrissene Gletscherbrüche.

Nach langen und flachen Passagen erreichen wir endlich den McGonagall-Paß, unter dem wirzum 1. Mal im Grünen unseren Lagerplatz aufschlagen. Dann geht es - die Skier wieder tragend - durch weite Tundra sowie durch Flüsse und Sümpfe. Am Turtle Hill (Schildkrötenhügel) haben wir am frühen Morgen eine wunderschöne klare Aussicht auf die Nordseite des gewaltigen Mount McKinley-Massivs mit über 5000 m Höhenunterschied bis zum Gipfel. Bei der Durchquerung des McKinley Rivers holen wir uns ein letztes Mal patschnasse Füße und erreichen endlich die offiziell noch geschlossene Nationalparkstraße am Wonder Lake.

Bis hierher waren wir 14 Tage unterwegs, haben fast 7000 Höhenmeter und ca. 80 km durch Wildnis zurückgelegt. Diese ziemlich schnelle Durchquerung war nur durch das gute Wetter möglich, da wir zum Glück keinen einzigen Tag wegen der gefürchteten arktischen Stürme zwangsweise pausieren mußten.

Wir warten mehrere Stunden an der Straße, bis schließlich ein Ranger vorbeikommt und einen Transport für uns organisiert. Am nächsten Morgen werden wir mit 2 Pritschenwagen 140 km durch den Park bis zur Bahnstation am Ausgang gefahren und erreichen den einzigen Zug des Tages ein paar Minuten vor der Abfahrt. Im Zug sind wir dann die Attraktion der Fahrgäste und bekommen kostenlose Lunchpakete und Getränke vom Zugpersonal. Obwohl es sich um die Hauptlinie von Alaska zwischen Anchorage und Fairbanks handelt, wartet der Zug in Talkeetna sogar extra für uns, bis wir unser hier deponiertes restliches Gepäck abgeholt haben. Was für ein Service! In Anchorage duschen wir uns erst einmal (aaahh!) und "überfressen" uns gründlich beim Steakessen in einem Restaurant - die Zivilisation hat uns wieder! Das Abenteuer Mount McKinley-Skiüberschreitung ist damit hundertprozentig erfolgreich beendet.


Unterm McGonagall Paß

Zum 1. Mal wieder lebendiges Grün vor Augen,
auch wenn es in Wirklichkeit nur ein Braungelb ist,
aber nach dem tagelangen blendenden Schnee-Weiß
lassen sich die Augen und das Gehirn leicht täuschen
und können sich an den neuen Farben nicht sattsehen.

Unser Lagerplatz liegt direkt neben einem kleinen Bächlein -
eintöniges, beruhigendes, nie endendes Rauschen und Plätschern.
Keine Notwendigkeit mehr, mühsam Schnee zu schmelzen,
stattdessen klares Wasser - ein Genuß, es einfach zu trinken,
endlich auch Gelegenheit für eine kurze Ganzkörperwäsche.
Bis morgen erlöst von der elenden Rucksackschlepperei -
wir liegen behaglich im Zelt und genießen die Aussicht:
Schauen durch den weit offenen Eingang wie auf eine Bühne,
auf Tundra, Bergketten, sanfte Hügel und Flußtäler
bis zu unserem noch weit entfernten Ziel, dem See,
darüber dunkle Wolken am Horizont - auch hier regnet es schon
und das Prasseln der Tropfen mischt sich mit dem Bachrauschen.

Wir beobachten die vor uns ausgebreitete Landschaft intensiv
wie einen spannenden Film - Kino zum Nulltarif!
Der ersehnte und erkämpfte Gipfelerfolg liegt hinter uns,
auch die brutale Gepäckschlepperei über den windigkalten Paß,
die beinharte Skiabfahrt ebenso wie der knietiefe Neuschnee,
der phantastische Gratabstieg und und die unheimlich zerrissenen Eisbrüche.
Noch liegen Gestrüpp, Sümpfe und Flußdurchquerungen vor uns,
aber wir sind zuversichtlich, genießen den Augenblick
- und sind glücklich über unsere gelungene Tour!

(Erlebt und gedanklich vorformuliert am 24.5.88 im Mount McKinley Nationalpark, niedergeschrieben 2 Wochen später in Anchorage)

 

Daten und Statistik zum Expeditionsbericht

Teilnehmer:

Baumgärtner Helmut, 23 J., Friedberg, DAV Friedberg
Hasholzner Josef, 56 J., München, DAV Oberland
Leutgäb Franz, 40 J., Friedberg, DAV Friedberg/DAV Oberland
Schreinmoser Fritz, 31 J., München, ÖAV Linz
Treibel Dr. Walter, 32 J., München, DAV Oberland
Wallner Max, 48 J., Lohhof, DAV Bayerland
Wittmann Heinz, 44 J., München, DAV Oberland

Dauer der Expedition:

13.5. - 26.5.1988, Gipfel erreicht am 21.5.1988.

Mount McKinley Statistik:

  • Von 1903 bis 1988 wurden insgesamt über 10 000 Bergsteiger registriert (1987 z.B. 817).
  • Davon stellen die Amerikaner mit ca. 70% die größte Gruppe, danach folgen die Japaner (10%), Deutsche (4%), Schweizer (2,5%) und Kanadier (2%).
  • Über 80% aller Bergsteiger versuchen, den Gipfel über die leichteste Route, den West Buttress, zu erreichen. Ca. 1/3 nehmen an geführten Touren teil.
  • Die Erfolgsrate beträgt zwischen 31% (1987, schlechtes Wetter) und knapp 60%, im Durchschnitt ca. 47,5%; d.h. nur knapp die Hälfte erreicht den Gipfel. Das vorläufige Ergebnis für 1988 liegt bei 50%.
  • Ungefähr jeder Siebte wird höhenkrank (14%), immerhin 5% erleiden Erfrierungen.
  • Der Rekord für die schnellste Besteigung des Berges beträgt 18 1/2 Stunden vom Basislager bis zum Gipfel, während die schnellste Überschreitung bisher in 5 Tagen gelang.
  • Der Berg wird immer beliebter: Am 20. Mai 1988 waren insgesamt 356 Bergsteiger gleichzeitig auf verschiedenen Routen am Mount McKinley unterwegs.
© Dr. med. Walter Treibel, 2011