Bergsteigen in Ostafrika 1986-1987

Sechs Monate unterwegs in Tansania und Kenia
 

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Während meines fünfmonatigen Aufenthaltes in Tansania von November 1986 bis April 1987 bin ich natürlich auch bergsteigerisch tätig.

Das Machame Hospital, in dem ich auf der chirurgischen Abteilung arbeite, ist ein Missionskrankenhaus mit etwa 220 Betten und liegt direkt am Fuße des Kilimandscharo in etwa 1500 m Höhe. Wenn der Berg nicht gerade in Wolken gehüllt ist, hat man von dort aus einen schönen Blick auf den fast 6000 m hohen Gipfel. Man kann sogar direkt vom Hospital zu einer Besteigung dieses ehemaligen Vulkans aufbrechen.

Wochenendausflug zum Shira-Plateau

Den unteren Teil dieses Weges erkunden wir zu fünft an einem verlängerten Wochenende im November als Trainings- und Akklimatisationstour. Von Machame aus geht es noch eine Stunde durch bewohntes und landwirtschaftlich genutztes Gebiet, bis man an der Nationalparkgrenze dichten Regenwald betritt, der bis etwa 3000 m hinaufreicht und an dessen Grenze auch die erste Hütte liegt. Die zweite Hütte, auf der wir übernachten, liegt noch einmal 800 m höher auf dem großen baumfreien Shira-Plateau. Diese runden Blechhütten sind etwa mit unseren Biwakschachteln vergleichbar, haben aber innen außer einer primitiven Feuerstelle überhaupt keine Einrichtung. Man schläft auf Gras- oder Holzböden und muß alles Notwendige selbst mitbringen.

Da die anderen zu erschöpft sind, breche ich am Nachmittag alleine zu einer Gipfelbesteigung auf. Dazu muß ich das gesamte Plateau überqueren, wobei mir erst unterwegs die große Entfernung (ca. 8 km einfache Strecke!) zum Bewußtsein kommt. Die beiden höchsten Gipfel des Shirakammes (etwa 3900 m hoch) sind bergsteigerisch kein Problem. Doch der Rückweg wird zu einem Wettlauf mit der hereinbrechenden Dunkelheit, den ich trotz längerer Jogging-Einlagen verliere. Ohne Taschenlampe erreiche ich die Hütte erst bei vollständiger Dunkelheit. Meine zurückgebliebenen Begleiter sind schon sehr in Sorge um mich, zumal selbst in dieser Höhe gelegentlich Wildtiere beobachtet werden.

Weihnachtstour auf den Mt. Meru

Am zweiten Weihnachtsfeiertag starten Mark, ein amerikanischer Gastarzt, und ich zu unserer geplanten Bergtour auf den Mt. Meru, der etwa 40 km westlich vom Kilimandscharo liegt. Das Schwierigste ist zunächst einmal der Transport zum Fuß dieses Vulkans, da es dorthin keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Am Nationalparkeingang bekommen wir dann einen bewaffneten Führer zugeteilt, mit dem wir bei brütender Hitze zur ersten Hütte in 2500 m Höhe aufsteigen. Von der zweiten Hütte in 3500 m wurde vor einiger Zeit das gesamte Dach gestohlen, so daß wir inklusive Führer im Zelt übernachten müssen. Am Nachmittag besteigen wir den Little Meru bei fantastischen Wolkenstimmungen und am dritten Tag erreichen wir den Hauptgipfel in über 4500 m, der bei unserer Ankunft allerdings in Wolken gehüllt ist.

Noch am gleichen Tag steigen wir 2000 m zur ersten Hütte ab und am nächsten Morgen geht es zum Ausgangspunkt zurück. Dabei kommen wir - wie beim Aufstieg - in die Nähe einer grasenden und eher scheuen Büffelherde, die wir natürlich auch fotografieren bzw. filmen. Meine ausgiebige Filmerei scheint jedoch einen einzelnen Büffelbullen zu reizen, denn plötzlich geht er unerwarteterweise zum Angriff über. Unser Führer schießt daraufhin mit seinem großkalibrigen Mausergewehr (deutsches Fabrikat aus dem Jahr 1909!) aus der Hüfte auf den Büffel - und zum Glück daneben! Büffel gehören nämlich zu den gefürchtetsten Wildtieren, sind kaum durch einen einzigen Schuß zu stoppen und werden bei Verletzungen völlig unberechenbar und gefährlich. Wir haben unwahrscheinliches Glück, daß er sich durch den Knall des Schusses von seinem Angriff abhalten läßt, zumal das nur mit einer Patrone geladene Gewehr anschließend Ladehemmung hat!

Kilimandscharo-Überschreitung und Abenteuer am Mawenzi

Anfang Februar geht es endlich los zu der lang geplanten Bergtour. Leider finde ich keinen geeigneten Partner für dieses Unternehmen und starte schließlich alleine, was wegen der vielen Unsicherheitsfaktoren (bergsteigerische Leistungsfähigkeit und Höheneignung) eines unbekannten Gefährten wahrscheinlich sowieso besser ist. Der Auftakt ist zunächst frustrierend, bzw. ich werde auf eine harte Geduldsprobe gestellt, da ich erst einmal volle zwei Tage am Nationalparkeingang festsitze. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, einen (obligatorischen) Führer zu finden, da meine geplante Route länger und schwieriger ist als üblich und ich außerdem durch falsche Information nicht vorausgebucht habe. Der erste Führer findet keinen Träger für die Überschreitung, der zweite will zusätzliches Geld gleich im voraus haben, der dritte hat - nachdem alles besprochen war - plötzlich keine Lust mehr! Besonders ärgerlich daran ist, daß die einheimischen Führer zwar für Unerfahrene oder größere Gruppen sinnvoll, für mich aber vollkommen überflüssig sind, zumal sie nur ihre eigenen Sachen tragen und in der Regel einen eigenen Träger für die Verpflegung beanspruchen. Die tansanischen Vorschriften zwingen einem jedoch - wohl hauptsächlich aus Verdienstgründen - einen Führer auf. Zum Glück sind die Gebühren für mich als sogenannter "resident" entscheidend niedriger - der Preis für normale Touristen mit etwa 30 Dollar pro Tag nur für Parkeintritt und Übernachtungsgebühren ist nämlich ganz schön teuer und der Nationalpark macht einen ziemlichen Gewinn damit. Positiv ist lediglich, daß ich schließlich einen vertrauenerweckenden Träger finde, ansonsten verläuft der erste Tag ergebnislos. Am nächsten Morgen wende ich mich zunächst an den Leiter des Nationalparks, aber auch das hilft nicht weiter. Stattdessen legt man mir später nahe, meine Route zu ändern oder zu kürzen! Als ich schon alle Hoffnungen aufgebe, findet sich schließlich doch ein Führer. Zum Aufbruch ist es indessen schon zu spät, so daß auch dieser Tag verloren geht.

Während der ersten zwei Aufstiegstage habe ich zum Transport der Verpflegung sogar noch einen zweiten Träger dabei. Obwohl ich meinen nicht gerade leichten Rucksack selber trage, fühle ich mich als einzelner mit einem Führer und zwei Trägern doch ziemlich ungewohnt - in Nepal sind wir zu zweit jeweils mit einem Träger ausgekommen. Noch seltsamer kommen mir allerdings manche Touristen vor, die völlig unsportlich oder gar übergewichtig überhaupt nichts selbst tragen. Die allermeisten Gipfelaspiranten haben keinerlei Ahnung vom Bergsteigen, werden aber vom Kilimandscharo angelockt, weil der Normalanstieg technisch kaum Schwierigkeiten aufweist. Beim zweiten Übernachtungsplatz, den Horombohütten, richte ich ein Gepäck- und Verpflegungsdepot ein.

Auf dem folgenden Weg zum Mawenzi, meinem ersten bergsteigerischen Ziel und Nachbargipfel des Kilimandscharo, sind wir dann plötzlich ganz allein. Von der 4500 m hohen Hütte bzw. Biwakschachtel starte ich am nächsten Morgen zu einem Alleingang. Der Mawenzi gilt als schwieriger und auch gefährlicher Berg, über den ich vorher keine konkreten bzw. nur widersprüchliche Besteigungsinformationen bekommen konnte. Nach unschwieriger Kletterei erreiche ich bald die steile Aufstiegsschlucht. Saisonbedingt und erst recht durch die lange und heftige Regenzeit ist dieses Couloir völlig mit Schnee und Eis ausgefüllt, so daß ich meine Steigeisen und den Pickel verwenden muß. Schon nach wenigen Metern erreiche ich einen Steilaufschwung mit hartem, glasigem Wassereis, bei dem mir erste Zweifel über den Sinn des Unternehmens kommen, da der Abstieg hier nur noch schwieriger werden kann. Dennoch steige ich zunächst einmal weiter und umgehe einen gefrorenen Wasserfall weiter oben in einer Nebenrinne. Danach versuche ich, den ständigen Firntraversierungen mit einer direkten Variante im Felsgelände auszuweichen. Als ich mich dann jedoch in ca. 5000 m Höhe mit den Steigeisen kletternd in leicht brüchigem und schneebedecktem Felsgelände vom Schwierigkeitsgrad III befinde, entschließe ich mich - nur 150 m unter dem Gipfel - aus Vernunftsgründen und auch durch die psychische Belastung des Alleingangs bedingt - zur Umkehr. Der Entschluß ist richtig, da sich meine Variante nachträglich als Verhauer herausstellt.

Nachdem ich wieder ein Depot auf der Horombohütte, meinem Basislager, eingerichtet habe, nehme ich mir als nächstes den South Circuit vor. Dieser Pfad führt abwechslungsreich und landschaftlich sehr reizvoll auf etwa 4000 m Höhe unter den verschiedenen Gletschern halb um den Kilimandscharo-Gipfel - auch Kibo genannt - herum. Von der nächsten Hütte haben wir hervorragende Ausblicke auf die Steilabbrüche und Hängegletscher des Gipfelmassivs, vor allem auf den eindrucksvollen Breach Wall.

Einen Tag später erreichen wir auf der Westseite die Route, die von Machame heraufführt, und damit den alternativen Aufstiegsweg, der zwar schwieriger, aber viel interessanter ist als die überlaufene und eher etwas langweilige Touristenroute. Da die alte Biwakschachtel in 4900 m Höhe zerstört und mein geliehenes Zelt für drei Leute zu klein ist, müssen wir von einer neu errichteten, aber 250 m niedrigeren Hütte losgehen und starten um zwei Uhr nachts bei Vollmond zur Kibo-Besteigung. Anfangs gibt es keine Probleme, doch dann wird der Aufstieg auf einer völlig lockeren Schottermoräne äußerst unangenehm, kraft- und zeitraubend. Schließlich stelle ich fest, daß wir nicht nur auf dem falschen Weg sind, sondern daß auch der "Führer" keinerlei Ahnung über den Weiterweg hat. Um auf die richtige Route zu kommen, müssen wir einen Gletscher bzw. ein Firnfeld queren, in das ich für die beiden anderen vorsichtshalber ein paar Stufen schlage. Mein Träger Mtui folgt, doch dem "Führer" ist es trotz besserer Schuhe zu schwierig, so daß ich endgültig die Geduld mit ihm verliere und ihn kurz und bündig nach Hause schicke.

Nach einem durch Gepäck und Umweg insgesamt langen Aufstieg, bei dem wir zum Schluß noch teilweise im Schwierigkeitsgrad I klettern müssen, erreichen wir schließlich den äußeren Kraterrand in 5700 m Höhe, der bereits in der Sonne liegt. Nach einer kurzen Rast geht es zur höchsten und aussichtsreichen Erhebung des inneren Kraterrandes weiter. Nicht weit davon entfernt lege ich anschließend ein Gepäckdepot an. Danach trenne ich mich von meinem zuverlässigen und tüchtigen Träger Mtui. Während er zur nahen Kibo-Hütte auf dem Normalweg hinuntergeht, steige ich auf den Uhuru Peak, der mit 5895 m der höchste Gipfel Afrikas ist, und genieße die Gipfelrast bei Sonnenschein und Wärme.

Dann kehre ich in den Krater zu meinen zurückgelassenen Ausrüstungsgegenständen zurück, denn ich will die Nacht hier oben verbringen. Beim Gegenanstieg zum geplanten Zeltplatz merke ich doch allmählich, daß ich schon 1500 m Aufstieg, zum größten Teil mit vollem Gepäck, hinter mir habe. Das Zeltaufbauen gestaltet sich wegen des weichen Schnees etwas schwierig, danach halte ich erst einmal einen Mittagsschlaf. Ausnahmsweise scheint die Sonne den ganzen Tag, im Zelt ist es sogar zu warm. Abgesehen von vorübergehenden Kopfschmerzen merke ich keinerlei Auswirkungen der Höhe, obwohl es sich mit 5800 m um meinen bisher höchsten Biwakplatz handelt. Vor Sonnenuntergang mache ich noch einige schöne Aufnahmen und Filmszenen - die absolute Einsamkeit und die außergewöhnliche Abendstimmung im Krater sind ein ganz besonderes Erlebnis! Zum Essen gönne ich mir den Luxus eines gefriergetrockneten Menüs und schlafe - warm angezogen - über Nacht so gut in meinem Schlafsack, daß ich am nächsten Morgen glatt den Sonnenaufgang versäume.

Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg, den inneren Krater zu umrunden und entdecke auf der gegenüberliegenden Seite eine einzelne Gestalt, die dasselbe vorhat. Schließlich treffen wir uns und das ist - obwohl weit entfernt einige winzige Gestalten dem Hauptgipfel zustreben - in dieser öden wüstenhaften Landschaft doch eine bemerkenswerte Begegnung, beinahe wie im letzten Jahrhundert das Treffen von Stanley und Livingstone mitten im afrikanischen Urwald. Ähnlich wie damals wissen wir allerdings schon, um wen es sich handelt. Zwei Tage zuvor habe ich auf dem South Circuit den Engländer Clive getroffen, der ebenfalls allein unterwegs ist und als professioneller Bergfotograf gerade an einem neuen Buch über zentral- und ostafrikanische Berge arbeitet. Wir haben damals beschlossen, uns im Krater wieder zu treffen und allen Unabwägbarkeiten zum Trotz klappt es. Die nächsten Stunden verbringen wir damit, uns in der großartigen Eiswelt des Stufengletschers mit seinen Terrassen und Türmen gegenseitig zu fotografieren und zu filmen. Am Nachmittag steigen wir dann zusammen über den Gilman`s Point zur Kibo-Hütte ab, wobei wir trotz schweren Gepäcks für die 1000 Höhenmeter nicht einmal 45 Minuten brauchen, da man bequem ein langes Geröll- und Sandfeld hinunterlaufen kann.

Am nächsten Tag queren wir gemütlich mit unseren Trägern über die weite Sattelhochfläche direkt zum Mawenzi hinüber, um zum Abschluß diesen Gipfel gemeinsam zu besteigen. Da es beim Aufstieg zum Teil schneit und schlechte Sicht herrscht, sind die Bedingungen ungünstiger als bei meinem ersten Versuch - aber trotzdem, oder gerade deswegen, wird es eine besondere Tour. Wir haben zwar ein Seil dabei, benutzen es aber mangels geeigneter Sicherungsmöglichkeiten nicht. Stattdessen steigen wir einzeln und ungesichert mit Steigeisen und (diesmal) mit zwei Eisgeräten in den Händen auf - "double soloing" im 350 m hohen Firn- und Eiscouloir. Erst auf dem Gipfel in 5145 m Höhe, dem dritthöchsten in Afrika, wird uns der Wert dieser Besteigung so richtig bewußt. Wir finden nämlich ein relativ dünnes Gipfelbuch vor, das erst halb vollgeschrieben ist, obwohl es bereits 1958 (!) begonnen wurde. Eintragungen von vielen bekannten und guten Bergsteigern dokumentieren gewissermaßen alpine Geschichte - daneben finden Clive und ich selber erstaunlicherweise auch Leute, die wir persönlich kennen oder mit denen wir sogar schon geklettert sind! 1986 erreichten lediglich 14 Leute den Gipfel, während es am Nachbarberg Kibo etwa 500-mal mehr sind. Allerdings gibt es hier auch schon mehrere tödliche Unfälle, so daß wir beim (schwierigeren) Abstieg noch sehr vorsichtig sein müssen. Danach sind wir uns beide einig, daß diese Tour der Höhepunkt unseres Kilimandscharo-Aufenthaltes ist und feiern gemeinsam unseren Gipfelerfolg. Insgesamt habe ich elf erlebnisreiche Tage in diesem Bergmassiv verbracht.

Klettertouren im Mt. Kenya-Massiv

Zwei Wochen später fahre ich - wieder mit dem Engländer Clive - von Kenyas HauptstadtNairobi aus zum höchsten Berg des Landes, zum Mt. Kenya. Unser Zweimann-Team hat sich ja zufällig am Kilimandscharo ergeben - am Mt. Kenya sind wir bereits eine eingespielte (Fotografen-) Seilschaft. Clive hat schon seit Wochen vergeblich nach erfahrenen Kletterern zum Fotografieren im Mt. Kenya-Gebiet gesucht, während ich über einen Partner ebenso wie über die günstige Transportmöglichkeit erfreut bin. Im Gegensatz zu den meisten Touristen wählen wir als Anmarsch zum Mt. Kenya einen völlig einsamen Weg von Norden her. Die sehr schlechte Forststraße bis in 3300 m Höhe schafft Clives Käfer gerade noch. Am nächsten Tag geht es mit Hilfe zweier Träger in einem langen Gewaltmarsch bis an den Fuß des Mt. Kenya-Massivs in 4400 m Höhe. Wir haben mehr als 80 kg Material dabei: Verpflegung für acht Tage, komplette Eis-, Kletter-, Biwak- und Fotoausrüstung. Der Mountain Club of Kenya (Clive ist dort Mitglied, während ich unterdessen dem Kilimanjaro Mountain Club beigetreten bin) hat eine ganz neue, relativ komfortable Privat-Hütte gebaut, die wir, als erste Kletterer überhaupt, als unser Basislager auswählen.

Am nächsten Tag machen wir unsere erste Klettertour zum Eingewöhnen, eine relativ kurze, aber schöne Überschreitung im 3. Schwierigkeitsgrad (Pt. Peter, 4750 m). Unser nächster Gipfel, der Pt. Dutton (4885m), ist deutlich schwieriger. Für die Schlüsselstelle, eine Reibungskletterei von IV+, zieht Clive seine leichten Kletterschuhe an, und wir leisten uns auch den Luxus, hier unsere relativ schweren Rucksäcke hinaufzuziehen, da wir uns bereits in Montblanc-Höhe befinden. Die folgenden Seillängen auf einem sehr ausgesetzten Grat mit glatten griff- und trittarmen Blöcken, die z.T. verdächtig hohl klingen, sind auch nicht wesentlich leichter. Obwohl wir zusammen mehr als 35 Jahre Klettererfahrung aufweisen können, haben wir beide bisher noch keine so scharfe Gratschneide angetroffen wie hier: z.T. müssen wir uns meterweit im Reitsitz fortbewegen! Bedingt durch diese Schwierigkeiten und weitere Verzögerungen durch ausgiebiges Fotografieren und Filmen, kommen wir nur relativ langsam voran und werden am Nachmittag kurz vor dem Gipfel von einem Gewitter überrascht. Der einsetzende Schneeregen hindert uns am Weiterklettern, zumal die gerade folgende Seillänge wieder delikate und ausgesetzte Reibungskletterei verspricht, so daß wir - ohne Wetterbesserung - letztendlich zu einer unfreiwilligen Übernachtung am Grat gezwungen sind. Zum Glück finden wir hier den einzigen akzeptablen Biwakplatz, an dem wir sogar relativ bequem auf unseren Seilen sitzen können. Leider haben wir nur noch eine halbe Tafel Schokolade, ein paar Kekse sowie etwa einen halben Liter Flüssigkeit übrig. Nachdem wir alle vorhandene Kleidung angezogen haben, verkriechen wir uns unter dem Biwaksack. Obwohl es natürlich kalt ist, geht diese ungeplante Biwaknacht in fast 5000 m Höhe irgendwann vorüber und wir klettern am nächsten Morgen etwas steif und ungelenk zum Gipfel weiter. Nach dem Abstieg verbringen wir den Rest des Tages mit Essen und Schlafen auf unserer Hütte.

Nachdem ich schon seit Nairobi eine starke Erkältung mit Husten und Schnupfen habe, die jedoch im Gebirge entgegen aller Erfahrungen allmählich besser wird, erwischt es nun auch Clive mit einer Art von Grippe. Trotzdem starten wir zur Umrundung des Mt. Kenya-Massivs und schleppen mit Hilfe eines Trägers den Großteil unserer Ausrüstung zur nächsten Hütte bzw. Biwakschachtel "Two Tarn Hut" an zwei kleinen Seen. Da wir uns noch nicht ganz fit fühlen, geht es zunächst zu einer weiteren Hütte (Austrian Hut, 4800 m), von der aus ich am Nachmittag zwei leichtere Aussichtsgipfel, darunter den viel besuchten Pt. Lenana besteige. Doch dann ist es wieder Zeit für eine richtige Kletterei. Ein klassischer Gratanstieg im vierten Schwierigkeitsgrad (Pt. John) ermöglicht uns eine Genußtour ersten Ranges. Der Abstieg von diesem steilen und kühnen Felsgipfel erfolgt durch mehrmaliges Abseilen.

Besteigung des Mt. Kenya

Jetzt bleiben nur noch die beiden schwierigen Hauptgipfel des Mt. Kenya übrig. Clive hat sie früher bereits zweimal bestiegen und ist daher wenig motiviert. So trifft es sich sehr günstig, daß in der Hütte der Amerikaner Chuck schon seit Tagen auf einen Kletterpartner für diese Tour wartet. Wir starten in aller Frühe und klettern die ersten und einfachen Seillängen seilfrei, um Zeit zu sparen. Die Schlüsselseillänge im vierten Schwierigkeitsgrat liegt bereits über 5000 m hoch - hier muß ich im Vorstieg ganz schön schnaufen, nicht zuletzt bedingt durch den schweren Rucksack: Wir haben zusätzlich die komplette Eis- und Biwakausrüstung dabei sowie Kocher und Verpflegung, wobei wir einen Teil davon in der winzigen Biwakschachtel auf dem Gipfel des Nelion (5188 m) deponieren. Obwohl der elf Meter höhere Batian nur 150 m Luftlinie entfernt und durch eine 45 m tiefe Scharte von diesem getrennt ist, wird im Führer für Hin- und Rückweg bei guten Verhältnissen eine Zeit von drei Stunden angegeben - es hat aber auch schon Clubmitglieder gegeben, die für die einfache Strecke bei vereisten Verhältnissen neun (!) Stunden gebraucht haben.

Hier nun eine kurze Beschreibung von dieser eindrucksvollen und abenteuerlichen Kletterei: An einem Abbruch seilen wir uns zunächst ab und lassen eines unserer Doppelseile zur Erleichterung des Rückweges hängen. Im "Gate of the Mists", einer Eisscharte mit Wächte, muß ich Steigeisen benutzen sowie für Chuck Stufen schlagen. Die folgenden Felsen sind nordseitig verschneit und vereist, ebenso wie der Ausstiegskamin, so daß wir den Gipfel erst um sechs Uhr abends etwas müde, aber stolz erreichen. Dann geht es in Eile zurück, wieder mit Abseilen und Quergang. In der Scharte steige ich von oben (durch Fixseil) und unten (von Chuck) gesichert mit Steigeisen und Eisgeräten neben dem Felsen im harten Firn bei beginnender Dämmerung auf und sichere Chuck mit Seilzughilfe im Fels bei Dunkelheit nach. Nach ziemlichen Schwierigkeiten, festsitzende Klemmkeile zu entfernen, erreichen wir schließlich bei Mondlicht und Nebel wieder den Gipfel des Nelion. Die Biwakschachtel dort ist winzig (Größe ca. 2x2x1,2 m), aber mit Schaumgummimatratzen ausgelegt und für uns jetzt eine willkommene Zufluchtsstätte. Da wir erst mühsam Eis schmelzen müssen, sind wir fast bis Mitternacht mit Kochen, Essen und Trinken beschäftigt, können danach aber gut schlafen.

Am nächsten Morgen beginnen wir mit dem Abstieg: Hier zeigt sich der große Vorteil unserer beiden 50 m Seile, denn wir können lange Strecken abseilen, insgesamt sieben volle Seillängen, und damit erheblich Zeit sparen. Am Fuße des Berges verabschiede ich mich von Chuck, der fast noch mehr als ich von der gelungenen Bergfahrt begeistert ist, da es sich um seine erste Hochgebirgs-Tour handelt. Dann steige ich allein mit schwerem Gepäck zur Clubhütte ab, in der Clive schon auf mich wartet. Als ich sie schließlich erreiche, fängt es ausgiebig zu schneien an. In kurzer Zeit ist alles weiß und die Umgebung in eine Winterlandschaft verwandelt - es handelt sich um die ersten Vorboten der beginnenden Regenzeit, und möglicherweise waren wir in dieser Saison die letzten auf dem Gipfel.

Noch am selben Tag steigen wir bis zum Auto ab und ich bekomme von einem Bergsteiger, der am Wochenende die Umrundung des Mt. Kenya gemacht hat, einen schnellen "lift" direkt nach Nairobi, während Clive nochmals am Nationalparkeingang übernachtet. Welch ein Kontrast: Am Morgen noch am Gipfel in der Biwakschachtel in 5200 m Höhe, am Abend bereits in einem Hotel in Nairobi mit Bad und Restaurantessen!

Der Mt. Kenya-Trip hat sich bergsteigerisch sehr gelohnt, denn es handelt sich um meine bisher vielleicht härteste, aber auch erfolgreichste Kletterwoche im Hochgebirge. Somit habe ich die drei höchsten Gipfel Afrikas bestiegen (Kibo, Mt. Kenya, Mawenzi), wobei der höchste bei weitem der einfachste war. Trotzdem werde ich sicher wieder einmal nach Ostafrika reisen, denn dort gibt es noch das Ruwenzori-Massiv mit einer sehr interessanten und exotischen Landschaft sowie ebenfalls Gipfeln über 5000 Meter.

Insgesamt bin ich mit meinen bergsteigerischen Erfolgen genau so zufrieden wie mit den sonstigen Erlebnissen und medizinischen Erfahrungen während meines so abwechslungsreichen Aufenthaltes in Ostafrika.

 

Führerliteratur:

1. Guide to Mt. Kenya and Kilimanjaro

Iain Allan, Mountain Club of Kenya, Nairobi,

2. East Africa - International Mountain Guide

Andrew Wielochowski, West Col Productions, England,

3. Tanzania - Kilimanjaro (Safari und Zanzibar)

P. Rotter, R. Jauk, Verlag B. Rotter, (mit Karte 1:50 000)

© Dr. med. Walter Treibel, 2011
Ruwenzori und Gorillas in Ostafrika 2002


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Anfang August 2002 kann ich mir endlich einen langgehegten Wunsch erfüllen. Nachdem ich keine Mitfahrer für eine privat organisierte Tour zum dritthöchsten Gipfel Afrikas gefunden hatte, frage ich bei der Firma Hauser-Exkursionen nach einer Mitfahrgelegenheit in einer Gruppe an. Diese bieten mir gleich die Führung einer mehrköpfigen internationalen Gruppe an (3 Deutsche, 1 Österreicher, 2 Niederländer). Die achttägige Rundtour zu den "Mondbergen", in denen der Nil entspringt, wird ein großes Erlebnis. Wir laufen sechs Tage in Gummistiefeln durch extremen Urwald in einem der regenreichsten Gebiete der Welt und steigen dabei über bemooste Felsen (bis zum 2. Schwierigkeitsgrad!), glitschige Wurzeln oder durch Sümpfe und Bäche. Lediglich am ersten Tag kommen Trekkingschuhe zum Einsatz, während wir andererseits für den Gipfel steigeisenfeste Stiefel brauchen. Von der höchsten Hütte (4.500 m) geht es über glatte Felsen auf den Gletscher und weiter bis unter den Hauptgipfel. Das letzte Stück ist Kletterei im 3. Schwierigkeitsgrad und wird mit Fix- und Sicherungsseilen überwunden. Alle, bis auf einen Teilnehmer, erreichen den Ruwenzori-Gipfel (5.150 m) und sind stolz und glücklich.

Am letzten Tag erkrankt einer der Träger schwer an Malaria, so daß ich ihn mit hohen Dosen Tabletten behandeln muß. Zum Abstieg wird er in meinen Rucksack gesetzt und von einem kleinen Trägerteam ca. 1.000 Höhenmeter über schwieriges Geh- und Klettergelände ins Krankenhaus transportiert. Dank der Vorbehandlung überlebt er diese Strapazen, und ich bin froh, als alle Teilnehmer und Träger gesund wieder den Ausgangspunkt erreichen.

Die restliche Tour in Uganda wird viel gemütlicher: Tier-Safari im Queen-Elisabeth-Nationalpark mit einem Boot im Kazinga-Kanal (Hippos, Wasserbüffel, viele Vogelarten) und mit einem Vierradfahrzeug im Gelände (Antilopenarten, Affen, Elefanten und sogar Löwen). Nach einer Bootsfahrt im Mburo-Nationalpark verabschiedet sich die Hälfte der Gruppe und fährt zurück zum Ausgangspunkt.

Zu viert fahren wir für ein (teures) Zusatzprogramm ins benachbarte Ruanda. Dort ist nach einem verheerenden Bürgerkrieg mit Tausenden von Toten vor einigen Jahren wieder Ruhe eingekehrt, und so können wir in unserem Landrover mit Fahrer die Grenze passieren. Im Grenzgebiet gibt es einige der noch lebenden Berggorillas (insgesamt ca. 600), deren Existenz durch Wilderer und Urwaldrodungen stark gefährdet ist. Der Film über das Lebenswerk von Diana Fossey "Berggorillas im Nebel" hat dies eindrucksvoll gezeigt. Durch einen streng limitierten und sehr teuren Tourismus zu Gorilla-Familien, die sich an Menschen gewöhnt haben, werden diese letzten Berggorillas indirekt geschützt.

Im Urwald geht es zunächst steile Berghänge hinauf, bis wir im Unterholz die ersten Gorillas sehen. Unerwarteterweise kommen wir dabei z.T. so nahe an die Tiere heran, daß keine Teleobjektive zum Fotografieren nötig sind. Der Anblick dieser friedlichen Pflanzenfresser ist sehr beeindruckend, vor allem wenn man weiß, daß 99% der Gene dieser Menschenaffen mit den menschlichen identisch sind. Wir haben das seltene Glück, daß wir das Zusammentreffen zweier Familien erleben. Dabei jagt allerdings der stärkere Silverback (= Häuptling) das andere Familienoberhaupt in die Flucht und läßt auch uns etwas bange werden. Viel zu schnell ist die erlaubte Stunde herum, und voll intensiver Eindrücke machen wir uns wieder auf den Rückweg. Der Mehraufwand an Zeit und Geld hat sich auf alle Fälle gelohnt.

Wieder zurück am Ausgangspunkt Entebbe besuchen wir noch eine Schimpanseninsel im Viktoriasee. Hier werden aus dem ganzen Land Schimpansenwaisen angesiedelt, die meist aus Brandrodungsgebieten stammen und ohne menschliche Hilfe nicht allein überleben würden. Da diese Tiere deshalb auch leicht verhaltensgestört sind, macht uns dieser Besuch allerdings sehr nachdenklich. Gehen uns die Schimpansen und Gorillas vielleicht nur voraus?

Zum Abschluß gibt es nochmals ordentlichen Streß: Ein professioneller Dieb hat mir aus meiner Fototasche nicht nur einige Euros, sondern auch meinen Paß gestohlen. Es kostet einige Nerven, am Sonntagnachmittag wenige Stunden vor dem Abflug bei der deutschen Botschaft notfallmäßig ein Ersatzdokument zu besorgen, damit ich überhaupt heimfliegen kann!

© Dr. med. Walter Treibel, 2011