Reise nach Patagonien 2002 - 2003

 

Patagonien ist - trotz seiner schlechten Wetterverhältnisse und schwierigen Gipfel - schon lange ein Wunschtraum von mir, und so wählen wir uns diese karge, aber faszinierende Landschaft als Ziel unserer Reise aus. Doch wir haben von Anfang an etwas Pech: In Buenos Aires, wo wir meinen 94-jährigen Onkel und seine Familie besuchen, stellen wir fest, daß unser ganzes Gepäck in Mailand liegengeblieben ist!

Nur mit unserem Handgepäck fliegen wir weiter in den Süden von Argentinien und reisen mit dem Bus nach Calafate, einem beginnenden Touristenzentrum und Ausgangspunkt für den berühmten Perito-Moreno Gletscher. Dieser riesige Gletscherstrom aus dem Inlandeis mündet in einen großen See. Dort aber schiebt er sich mit seinen Eismassen bis an eine Landzunge vor und trennt dabei einen oberen See von einem unteren See ab. Gelegentlich bricht die Schubkraft des oberen Sees die Eisbarriere und es entsteht eine gefährliche Flutwelle. Von den verschiedenen Aussichtspunkten und auch vom Schiff aus kann man immer wieder abbrechende Eisschollen oder ganze Türme beobachten, die sich aus dem ca. 50 - 60 m hohen Gletscherrand lösen und ins Wasser stürzen.

Nach diesem interessanten Ausflug verbringen wir einen Tag in Calafate und organisieren ein Mietauto. Einen Tag später kommt endlich unser Gepäck am Flughafen an, und wir fahren mit unserem Kleinauto gleich nach Südwesten zum chilenischen Nationalpark Torres del Paine mit seinen vielen Seen und steilen Bergen. Hier war ich schon einmal ganz kurz auf dem Weg zur Antarktis, doch diesmal ist das Wetter ziemlich wechselhaft bis schlecht. Wir besuchen zunächst eine Bucht mit vielen fotogenen Eisbergen, die von einem weit entfernten Gletscher über den See durch den Wind herangedriftet werden. Unsere Wanderung mit Zelt findet bei so stürmischem Wind, Regen und sogar Schneeschauern statt, so daß wir nach zwei Tagen wieder zum Auto zurückkehren. Den Weihnachtsabend und den ersten Feiertag verbringen wir bei besserem Wetter gemütlich auf einem großzügigen Zeltplatz unter den Torres-Türmen.

Nach unserer Rückkehr in Calafate geht es am gleichen Tag weiter nach El Chalten, einem aufstrebenden Wildwest-Dorf unter der wilden Berggruppe von Fitz Roy und Cerro Torre. Ein Tag vergeht mit Erkundigungen, Einkäufen und Organisieren, dann laufen wir zum östlichen Basislager am Fitz Roy. Unser schweres Gepäck wird von Pferden transportiert, die zuvor erst noch mit neuen Hufeisen beschlagen werden. Das Basislager Rio Blanco ist ein Zeltplatz im geschützten Wald nur für Kletterer. Diese haben bei wochenlangen Wartezeiten auf gutes Wetter kunstvolle Baumhäuser als Koch- und Aufenthaltsräume errichtet. Unser erster Ausflug von hier aus endet im strömenden Regen. Am nächsten Tag haben wir mehr Glück und ersteigen bei bestem Wetter in leichter Kletterei den Cerro Madsen. Dieser ist ein hervorragender Aussichtsberg, genau dem Fitz Roy und seinen Trabanten gegenüberliegend - er wird unser schönster (aber auch einziger) Gipfel in Patagonien.

Am gleichen Abend wechseln wir - nur mit leichtem Wander-Gepäck - in das Basislager unter dem Cerro Torre, einem der schönsten und schwierigsten Berge der Welt, von dessen Besteigungsgeschichte es einige Legenden gibt. Von einem schönen Aussichtspunkt oberhalb unseres Zeltes erleben wir bei Windstille den Silvesterabend. Die letzten Sonnenstrahlen des ereignisreichen Jahres 2002 tauchen die faszinierende Gestalt des "unmöglichen" Berges in goldene Farben!

Am nächsten Morgen stehe ich bereits um fünf Uhr auf, um den Sonnenaufgang am Cerro Torre zu fotografieren, und die Eindrücke und Motive sind genau so stark wie am Vorabend. Für den anschließenden Ausflug in Richtung Cerro Torre müssen wir einen reißenden Gletscherbach überqueren, was nur mittels eines gespannten Stahlseiles möglich ist. Da wir unsere gesamte Kletterausrüstung zurückgelassen haben, müssen wir uns - nur mit Reepschnüren und einem Karabiner notdürftig gesichert - 20 m mühsam über den Fluß hinüberhangeln. Für ein gutes Abendessen und eine Dusche laufen wir nach El Chalten zurück und erleichtern uns tags darauf mit einem Taxi den nächsten Anmarsch.

Während Karin schwer beladen zum nördlichen Basislager am Fitz Roy vorläuft, hole ich noch unsere ganze Ausrüstung aus dem Depot des ersten Lagers - mit all den Klettersachen und der Verpflegung fast 40 kg! Von dem schönen Lagerplatz Piedra del Fraide steigen wir steil in Richtung Fitz Roy auf. Nach einem ersten Gepäckdepot errichten wir ein schönes Hochlager im Schnee. Unser erster Gipfelversuch von hier aus scheitert am Wetter: Nach 700 m Aufstieg über Schotter, Schnee und Fels ist es uns am Einstieg zur Aiguille Guillamet zu unsicher. Schließlich erwartet uns noch ein Eiscouloir und Granitkletterei im 5. Schwierigkeitsgrad!

Als am nächsten Morgen bestes Wetter herrscht, starten wir optimistisch zu einem erneuten Versuch. Doch unsere Zuversicht wird am Einstieg zerstört: Durch die intensive Sonneneinstrahlung ist die ostseitige Randkluft viel zu weich und gefährlich, alles tropft! Wegen der Nässe und Lawinengefahr schaffen wir nicht einmal einen leichteren Ausweichgipfel und kehren etwas frustriert zu unserem Zelt zurück, da für einen weiteren Versuch unsere Energien und Essensvorräte nicht mehr ausreichen. So steigen wir ab und treten nun die Rückreise an.

Da Karin während des ganzen Urlaubs immer wieder Pinguine sehen will, leihen wir uns noch einmal ein Auto aus und fahren Hunderte von Kilometern durch die argentinische Pampa, um an die Atlantikküste zu gelangen. Hier gibt es einen sehenswerten Brutplatz von Pinguinen mit Tausenden von Jungtieren. Beim Rückweg zum Flughafen fängt der Motor unseres Mietautos plötzlich stark zu qualmen an, aber wir können den Schwelbrand mit Wasser löschen! Eine ziemlich abenteuerliche Reise!

© Dr. med. Walter Treibel, 2011