Lebenstraum Nose - Erfolg 2009

Ein Bericht von Walter Treibel


Wuummmm! Der dritte und letzte Blitz schlägt direkt über uns ein und die Ausläufer des elektrischen Schlages treffen uns voll. Ich spüre einen krampfartigen Stich im Bauch, beide Füße sind erst heiß, dann taub. Wir hängen am allerletzten Standplatz der Nose, nur 30 Meter unterhalb des Gipfels des El Capitan, aber die Tour ist noch nicht zu Ende. Ich kann zwar noch auf meinen Füßen stehen, aber ich spüre sie nicht mehr. Andi ist etwas durcheinander – das ist aber auch kein Wunder, denn nur 10 Minuten zuvor hing er plötzlich mit dem Kopf nach unten im Seil, nachdem der Blockiermechanismus der Seilbremse versagt hat und erst die zusätzliche Sicherungsschlinge ihn auffing: 1000 Meter über dem Tal, frei in der Luft hängend und sich drehend ist wirklich kein Vergnügen! Noch dazu verliert er bei dem Sturz einen Schuh, der aber glücklicherweise in der Schlaufe seiner Aufstiegshilfe (Jümar) hängen bleibt. Heinz verbreitet Optimismus - ein zweiter Blitz ist eher unwahrscheinlich, aber weiß das Gewitter dies auch? Wir versuchen, unser ganzes Metall wegzuhängen, haben aber gar keine Chance: wir sind behängt wie die Weihnachtsmänner mit Friends, Klemmkeilen, Karabinern, sonstigen Kletterutensilien und der ganzen Fotoausrüstung. Aber zum Glück hat sich das Gewitter ausgetobt, heute bereits das zweite und insgesamt vierte in der Wand! Heinz steigt die letzte Seillänge an der überhängenden Hakenleiter vor, ich lasse Andi und die Materialsäcke (Haulbags) ganz vorsichtig frei hängend in die gähnende Leere hinaus und steige dem fixierten Kletterseil nach. Jetzt wollen wir nur noch aus der Wand heraus. Alles, was wir uns für die letzte Seillänge und das Erreichen des Gipfels in unserer Fantasie ausgemalt haben, ist völlig unwichtig geworden. Trotzdem reicht es beim Ausstieg noch für ein paar Siegerfotos. Oben erwartet uns bereits Florian mit Getränken – er ist extra für uns den langen Wanderweg aus dem Yosemite-Valley heraufgekommen und hat sich im Gewitter alleine am Gipfelplateau fast noch mehr gefürchtet als wir.

Nach vier Tagen in der Wand und dem unerwarteten Schlussabenteuer fällt allmählich die Spannung von uns ab. Wir können wieder ganz normal aufrecht gehen, legen endlich unsere Klettergürtel ab, prosten uns zu und sind ganz einfach glücklich! Ein genialer Zustand, der sogar noch etliche Tage anhält!

Es ist bereits später Nachmittag. Florian steigt mit einem schweren Teil unserer Kletterausrüstung noch ab und erreicht gerade rechtzeitig die Duschen im Tal, bevor sie schließen. Wir hingegen wollen diese Nacht in aller Ruhe auf dem Gipfel des El Capitan verbringen. Die Stimmung ist fantastisch: Wir erleben einen grandiosen Sonnenuntergang und über die Natur legt sich eine große Ruhe, in die wir immer mehr hineintauchen. Wir liegen – wie in den letzten Tagen – unter einem makellosen kalifornischen Sternenhimmel, die Nacht verschont uns mit Regentropfen und wir lassen unser großes Abenteuer im Geiste und im Traum noch einmal an uns vorüberziehen.


Die Idee

Zwei Jahre zuvor hat alles angefangen. Andi ist gerade 40 Jahre alt geworden und sein Lebenstraum, die Besteigung der Nose ist weiter weg als je zuvor. Eine Familie mit zwei Kindern, Haushypotheken und ein stressiger Beruf mit wenig Freizeit lassen keine Träumereien zu. Seine Frau Janina überrascht ihn jedoch mit einem außergewöhnlichen Geburtstagsgeschenk – die Nose als zeitliches und finanzielles Geschenk der Familie!

Kurz darauf ruft Andi mich an: „Wie wäre es mit einem Bigwall an der Nose?“ Wir kennen uns schon lange seit einer gemeinsamen Siebentausender-Besteigung und haben zusammen schon einige große Stürme im Vorstand der Sektion Oberland gemeistert. Ich habe zwar noch keine Ahnung, was uns da erwartet, sage aber gleich zu. Nach meinen Achttausender-Expeditionen und den schweren Transalps mit dem Mountainbike wieder eine neue Herausforderung - die berühmteste Kletterei der Welt! Sie wurde vor 50 Jahren in 40 Tagen im Verlauf von eineinhalb Jahren von Warren Harding und seiner Mannschaft erstbegangen – eine unglaubliche Leistung mit der damaligen Ausrüstung und heute ein Mega-Klassiker unter den Kletterern.

Erste Vorbereitungen

Unsere allererste Vorbereitung für diese große Unternehmung führt uns ins Kino. Gerade ist der Film „Am Limit“ über die „Huaba – Buam“ fertig geworden, und wir schauen uns eine der ersten Vorstellungen an. Tief beeindruckt von den Ausmaßen und der Tiefe der Wand verlassen wir den Kinosaal und schwanken zwischen Mut und Zweifel: So steil und schwierig hatten wir uns das Ganze nicht vorgestellt! Die Tour im 11. Grad ist  erst dreimal frei begangen worden, zählt also zu den schwierigsten weltweit. Aber das kommt sowieso für die allermeisten Kletterer nicht in Frage. Man muss zwingend den 6. Grad beherrschen, ansonsten wird je nach Können mehr oder weniger technisch mit mobilen Klemmgeräten und Trittleitern geklettert. Wir lassen uns von allen möglichen Experten beraten, schauen uns Bilder von der Tour an,  studieren die Literatur und kaufen uns die erste Ausrüstung zum technischen Klettern. Damit geht es an einem kalten, nebligen Herbsttag in die Fränkische Schweiz, wo wir zum Glück völlig alleine sind. An einem Felsen mit Rissen probieren wir unsere Leitern und die neue Technik zum ersten Mal aus. Andi rasselt gleich zweimal ohne jede Vorwarnung ins Seil, weil seine Fixpunkte nicht halten. Ansonsten funktioniert das Ganze, aber es braucht alles unendlich viel Zeit. Wenn wir für die vorgesehene Tour so langsam sind wie für die ersten 10 Meter hier, dann werden wir fast so lange in der Wand unterwegs sein wie die Erstbegeher!

Also suchen wir einen guten Kletterer als dritten Mann in unserer Seilschaft, aber wir haben kein Glück: Alle sind zwar mehr oder weniger interessiert, haben aber entweder keine Zeit, kein Geld oder trauen sich die Tour nicht wirklich zu. In unserer Verzweiflung rufe ich meinen Freund Tom in den USA an. Mit ihm war ich vor 20 Jahren zusammen auf einer Trainingsexpedition der UIAA auf einem Siebentausender in Indien unterwegs. Und Tom hat bereits mehrere Bigwalls einschließlich der Nose hinter sich – er kann zwar wegen einer Ellenbogen-Operation nicht mit uns klettern, aber er hilft uns weiter. Als wir in den Yosemite Nationalpark kommen, nimmt er sich extra Urlaub für uns und coached uns die ersten Tage – danke Tom!

Zuvor sind wir noch den ganzen Winter in der Halle geklettert und haben auf Skitouren verzichtet. Bei Heinz Zak in Scharnitz holen wir uns Tipps zum Jümarn, Helmut leiht uns von seiner Ausrüstung und wir schreiben eine Menge Listen über Ausrüstung und Zeitpläne.
 

Training im Yosemite

Endlich geht es los, ein Direktflug von München bringt uns nach San Francisco und ein Leihauto zur riesigen Ranch von Tom´s Schwiegervater – ein gelungener Auftakt. Mit viel Brennholz beladen geht es weiter ins Yosemite Valley. Die ersten Blicke auf den gewaltigen Klotz des El Capitan und die Detailansichten der Nose mit dem Fernglas lassen unseren Mut wieder gewaltig sinken. Da wollen wir hinauf?? Wir Durchschnittskletterer, die höchstens einen unteren „Siebener“ schaffen und die noch nie eine so große Tour geklettert sind?

Aber technisches Klettern bzw. Bigwalls sind etwas ganz anderes als schweres Freiklettern. Das merken wir, als wir in den nächsten Tagen unter der Anleitung von Tom konzentriert trainieren, unsere Technik verbessern und unsere Ausrüstung zum günstigen Dollarkurs optimieren.

Nachdem uns Tom nach vier intensiven Tagen wieder verlässt, probieren wir gleich unser Glück in einem „Anfänger-Bigwall“, der „Washington Column“. Schon das Schleppen der ganzen Ausrüstung bis zum Einstieg ist Schwerarbeit. Wir schlafen am Wandfuß, um am nächsten Morgen möglichst bald einsteigen zu können. Bis zum komfortablen Biwakplatz „Dinner Ledge“ funktioniert alles gut, dann folgt das überhängende „Kor Roof“, das Andi sicher vorsteigt. Inzwischen ist es aber in der Wand schattig und windig geworden, so dass wir die nächste Seillänge nicht mehr ganz vorsteigen und versichern. Ein großer Fehler, wie sich am nächsten Tag herausstellt: Unser Fixseil hängt dadurch über 20 Meter frei in der Luft, was beim Aufsteigen mit der schweren Kletterausrüstung und dem Rucksack mit der ganzen Fotoausrüstung eine einzige Tortur bedeutet. Am Ende dieses Fixseilaufstieges bin ich bereits platt und Andi so fix und fertig, dass ich ihn ablassen muss. Unser erster Bigwall-Versuch ist damit grandios gescheitert!

Damit wir nicht völlig frustriert am Zeltplatz herumhängen, verlegen wir uns erst mal aufs Freiklettern. Das klappt zwar, ist aber bei 30 Grad im Schatten auch ziemlich anstrengend. Die 15 Seillängen in den „Royal Arches“ trocknen uns zum Beispiel ganz schön aus.

Als wir wieder Mut gefasst haben, wollen wir die Nose zumindest probiert haben. Nur mit der Kletterausrüstung geht es los – am Einstieg treffen wir zufällig Heinz Zak und seine Gefährten, denen wir natürlich den Vortritt lassen. Andi führt die ersten beiden Seillängen und lässt gleich einmal seine Trittleiter fallen. Ich steige die heikle dritte Seillänge vor – sicher eine meiner schwersten überhaupt – und falle sogar einmal ins Seil, bevor ich endlich den rettenden Standplatz erreiche. Als wir dann abseilen, hat jeder von uns beiden den tollkühnen Plan der Nose-Besteigung wohl endgültig aufgegeben, auch wenn wir wissen, dass die ersten Seillängen oft als die schwersten bezeichnet werden.

Der erste Versuch

Doch die Geschichte geht noch weiter: Ein paar Tage zuvor hatten wir am Fuß der Nose eine amerikanische Seilschaft mit schweren Haulbags nach einem Rückzug aus der Wand getroffen. Für ein Foto von den beiden vor dem El Capitan hatte ich sie um Erlaubnis gefragt, und nach etwas Konversation nehmen wir sie zu unserem Zeltplatz mit, da sie keinen eigenen haben. Nach einem weiteren Bigwall-Versuch verletzt sich der eine bei einem Sturz, so dass er nicht mehr weiter klettern kann. So bleibt Calvin alleine übrig, kann aber keinen Kletterpartner mehr finden. Plötzlich entsteht die Idee, die Nose gemeinsam als Dreierseilschaft zu probieren. Calvin hatte zwar sehr viel mehr Erfahrung als wir, kennt aber die Nose auch noch nicht und will sie gerne klettern.

Also packen wir zum letztmöglichen Zeitpunkt vor unserem Rückflug all unsere Sachen in zwei Haulbags. Die ganze Ausrüstung (mit 50 Liter Wasser!) ist so schwer, dass ich den Weg zum Einstieg gleich zweimal gehen muss. Calvin steigt die uns schon bekannten Einstiegslängen vor und wir erreichen „Sickle Ledge“ als Depot für unsere Haulbags. Das Herunterkommen von dort über steile, sehr kompakte Platten ist nichts für schwache Nerven, da man mitten in der Wand mit seinem Gerät direkt über zusammengeknotete Fixseile abseilen muss. Noch einmal können wir im berühmten Camp 4 schlafen, in das wir inzwischen gewechselt haben. Dann geht es in aller Früh über unsere Fixseile wieder aufwärts, bis wir schon etwas ausgepumpt unsere deponierten Säcke erreichen. Es folgen zwei trickreiche Querungen, die mit den Haulbags viel Zeit kosten. Dann führen die „Stoveleg-Cracks“ direkt nach oben – hier wurden bei der Erstbegehung 1958 tatsächlich Ofenbeine als Sicherung im Riss verklemmt. Wir kommen zwar voran, aber mit unseren 80-kg-Säcken ist das alles eine ziemliche Schinderei und dauert sehr lange. Erst bei Einbruch der Dämmerung erreichen wir am Ende der 11. Seillänge den „Dolt Tower“, auf dem wir relativ gut schlafen können. Weitere 3 Seillängen führen uns am nächsten Tag auf den „El Cap-Tower“, den einzig größeren ebenen Platz in der ganzen Wand von ca. 6 x 1 Meter, fast 500 Meter über dem Wandfuß.

Wir lassen unsere Schlafsäcke und Isoliermatten sowie Abendessen und Frühstück hier zurück und versichern nach einer Rast noch die nächsten beiden berühmten Seillängen „Texas-Flake“ und „Boot Flake“, an deren Spitze wir unsere Haulbags deponieren. Wir schlafen zwar gut, aber merken am nächsten Morgen doch allmählich unsere beginnende Erschöpfung am dritten Tag in der Wand. Das Hochsteigen am Fixseil mit den ganzen Biwakutensilien, die am Rucksack und am Körper hängen, strengt uns ganz schön an.

Von unserem gestrigen Depot aus versucht Calvin nun den spektakulären „King-Swing“ – aber das ist gar nicht so einfach! Ca. 20 Meter tiefer am Seil hängend muss man einen Quergang von mindestens 10 Metern schaffen - das geht nur mit viel Anlauf und großen Pendelausschlägen. Calvin scheitert mehrfach knapp – das alles kostet Kraft und Nerven, die uns langsam ausgehen. Endlich gelingt es doch und einige Zeit später stehen wir samt Gepäck am Standplatz der 17. Seillänge – die Hälfte des Aufstiegs wäre geschafft. Aber wir sind es auch!

Das Scheitern

Inzwischen ist es windig und kalt geworden, wir frösteln und sind einfach körperlich und mental am Ende. So fällt die Entscheidung für einen Rückzug schnell und einstimmig, zumal die rettende Abseilpiste ohne störende Quergänge genau hier vorbeiführt. Trotzdem diskutieren wir – emotionell aufgewühlt – noch eine ganze Weile herum und Andi verdrückt ein paar Tränen: Sein Lebenstraum ist geplatzt! Inzwischen holt uns eine sehr schnelle Zweierseilschaft ein – ihr Ziel ist es, die Nose an einem Tag zu klettern. Das schaffen sie, auch wenn sie erst um 23 Uhr nachts aussteigen.

Wir machen uns ans Abseilen: 11 x 50 Meter mit zwei Haulbags bedeutet nicht nur Schwerarbeit und dauert 5 Stunden, sondern ist auch eine Nervenbelastung bei ausgesetzten Bohrhakenständen in glatten Platten: Meist kann man sogar einen der zwei bis drei Bohrhaken locker um die eigene Achse drehen, und der starke Wind weht das Seil meterweit in die falsche Richtung. Wir sind zwar gescheitert, aber von all den vielen, die in den letzten Tagen vor oder unter uns umgekehrt sind, sind wir am weitesten hinaufgekommen. Wir haben unser Abenteuer gehabt und die Nose ist Erinnerung!

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Einige Wochen später ruft mich Andi an. Er hat auf gut Glück im Internet eine Portaledge ersteigert – das ist sozusagen ein zusammenlegbares modernes Feldbett, das man in einer Wand an einen Haken zum Schlafen aufhängt und eine Seilschaft von den sehr beschränkten Übernachtungsplätzen in einem Bigwall unabhängig macht. Schnell wird in diesem Gespräch auch klar, dass das Kapitel „Nose“ noch längst nicht beendet ist: Andi kann schon seit Wochen nicht mehr richtig schlafen, träumt nur von Bigwalls, liest alle Internet-Berichte hierüber … mit anderen Worten, er zeigt alle Anzeichen einer Sucht, und die muss geheilt werden! Und ich selbst hätte gerne außer der Route  noch mehr Fotos und Filmszenen einer gelungenen Besteigung statt nur Fragmente eines gescheiterten Versuchs!

Ein gemeinsamer Termin sowie Flug-, Zeltplatz- und Mietauto-Buchung sind schon fast Routine. Aber wie können wir unsere Durchsteigungschancen verbessern? Theoretisch könnten wir zwar alle Seillängen selber vorsteigen, aber da wir zum schnelleren Freiklettern – noch dazu Hunderte von Metern über Grund – nicht gut genug sind, dauert bei uns das rein technische Klettern viel zu lange! Um hier eine echte Chance zu haben, müssten wir unsere Berufe und diverse Nebenjobs aufgeben, um intensiv trainieren zu können – nicht gerade sehr realistisch!

Wir brauchen also einen schnellen Vorsteiger, der uns Zeit erspart. Tom hat leider wieder keine Zeit. Zufällig komme ich nach einem Vortrag mit meinem Freund Heinz Zak ins Gespräch und er findet unerwarteter Weise plötzlich Gefallen daran, mit uns beiden verbohrten Dickschädeln eine klassische Begehung zu machen. Er ist zwar schon fünfmal die Nose geklettert, aber bis auf das erste Mal immer nur als reine Speed- oder Tagesbegehungen. Genau 30 Jahre nach seiner ersten Nose-Begehung, bei der er und sein Kletterfreund fast verdurstet wären, will er sie noch einmal klettern und genießen. Sein Motto ist, dass wir zusammen viel Spaß haben und er uns das größte Abenteuer unseres Lebens vermitteln kann. Unsere Ausrüstung ist perfekt, das sieht Heinz auf den ersten Blick. Trotzdem machen wir auf seinen Wunsch – mitten im Winter und völlig untrainiert – noch eine echte Probetour, den Jungmannschaftsriß in der Ehnbachklamm bei Zirl. Die schweren Haulbags haben wir für ein realistisches Gewicht mit einer Menge Eisenteile aus der Slackline-Ausrüstung von Heinz vollgestopft. Wir rutschen beim vereisten Zustieg auf dem Hosenboden ab, holen uns Blasen an den Fingern und spüren in den nächsten Tagen einen gewaltigen Muskelkater an Armen und Beinen, aber der Test ist erfolgreich bestanden!

Diesmal trainieren wir ganz gezielt: zum ersten Mal in meinem Leben mache ich ein Krafttraining für die Arme, gehe nach langer Zeit wieder Joggen und gemeinsam üben wir technisches Vorsteigen. Mit einer Spezialerlaubnis können wir - meist am Sonntag Früh - in der Kletterhalle alleine vor den Öffnungszeiten trainieren. Wir klettern alle Risse mit unseren Klemmgeräten, aber sichern an den vorhandenen Bohrhaken. Und tatsächlich – wir werden schneller und besser.

 
Zurück im Yosemite

Trotzdem kommt der Abflug – wie eigentlich immer - zu schnell. Ganz in der Frühe fliegen Andi und ich über Paris nach San Francisco und erreichen noch am selben Abend unseren Zeltplatz im Yosemite Valley. Dafür brauchen wir nach den stressigen Vorbereitungen den ganzen nächsten Tag zum „Ankommen“. Wir relaxen, gehen etwas wandern und lassen es uns gut gehen. Einen Tag später bauen wir mitten in einer steilen Felswand zur Übung unsere Portaledge auf und trainieren an einer überhängenden Hakenleiter. Der nächste Morgen sieht uns am Einstieg zur Nose: Hier erschrecken wir einen Bären – oder er uns - wie er in den Rucksäcken der Kletterer nach Essbarem wühlt. Mein Fotografieren scheint ihm nicht zu behagen – einen Angriffsversuch weise ich mit einem Urschrei ab. Vorsichtshalber deponieren wir unsere Rucksäcke nach den ersten Klettermetern auf einer Terrasse – hier kommt auch ein talentierter Sportkletterbär nicht hinauf. Dann steige ich die ersten beiden Seillängen der Nose vor, die mir bisher noch gefehlt haben. Es läuft gut – unser Training hat sich also bewährt.

In aller Frühe sind wir am nächsten Morgen nach San Francisco unterwegs, um Heinz und seinen jungen Slackline-Freund Florian vom Flughafen abzuholen. Die Zeit reicht sogar noch für etwas (Alpin-) Shoppen. Florian kommt fast nicht durch die amerikanische Passkontrolle, da in seinem Ausweis noch ein völlig überholtes Jugendbild klebt. Wir erreichen trotzdem noch rechtzeitig vor der Dämmerung das Yosemite Valley: In der Nose sind im unteren Teil erstaunlicherweise keine Seilschaften unterwegs – wir sollten also gleich morgen einsteigen!

 
Wieder in der Nose

Wir stehen bereits um 6 Uhr früh auf, um alles einzupacken. Das ist eine wichtige Prozedur, die zwei bis drei Stunden dauert. Denn nichts darf fehlen und zu viel Gepäck sollte man auch nicht dabei haben. Schließlich müssen wir nicht nur unsere zwei schweren Haulbags, sondern auch noch den orangefarbenen Toilettensack und die Portaledge, unser Wandbett, hinaufziehen. Nach dem Packen leisten wir uns sogar noch den Luxus einer Dusche und eines gemütlichen Frühstücks. Mit der Hilfe von Florian schleppen wir unsere ganze Ausrüstung diesmal sogar in einem Zug zum Einstieg. Dort stehen – welcher Schreck – schon mindestens ein Dutzend Kletterer. Aber es ist zum Glück nur ein Kletterkurs, der ausgerechnet in der Einstiegsseillänge zur Nose seine Übungen durchführt. Dann geht es endlich um 11 Uhr los: So spät sind wir noch nie eingestiegen, aber dank der Schnelligkeit von Heinz holen wir das locker auf. Nach der „Sickle Ledge“ können wir sogar noch 2 weitere Seillängen versichern und die Haulbags hochziehen. Die „Abseilpiste“ ist – wieder mit zusammengeknoteten Seilen – eingerichtet und sieht aus, als würde sie noch länger bestehen bleiben. So seilen wir an den vorhandenen Fixseilen ab und hängen unser zweites Seil noch in der Mitte ein, um das luftige  Umsteigen über die Knoten zu erleichtern. Ein „All-you-can-eat-Büffet“ beschließt den ersten Klettertag.
 

Das Abenteuer Nose-Durchsteigung

In aller Früh sind wir wieder am Wandfuß – aber welch ein Schock: Die Seile aus der Abseilpiste sind verschwunden, nur unser Zusatzseil hängt unerreichbar mitten in der glatten Plattenflucht. Jetzt ist guter Rat teuer: wir rufen Florian per Handy mit dem Auto zurück, holen unser Reserveseil und klettern damit wieder auf der Normalroute aufwärts. Zum Glück hängen hier noch zwei Fixseile von dem gestrigen Kletterkurs, die wir benutzen können, den Rest muss Heinz wieder vorsteigen mit den spärlichen Resten an Kletterausrüstung, die zufälligerweise noch von gestern an unseren Hüftgurten hängen. Aber relativ bald haben wir „Sickle Ledge“ erreicht, bergen unser frei hängendes Seil aus der Wand, werfen das Reserveseil wieder zu Florian hinunter und steigen zu unseren Haulbags auf. Die Klettertour kann weitergehen, während sich hinter uns in den ersten Seillängen allmählich Staus an den Standplätzen bilden.

Nach der Querung zu den Stoveleg-Cracks ist Andi an der Reihe mit Vorsteigen und kommt gut zurecht. Auf dem „Dolt-Tower“ machen wir erst einmal Rast und dezimieren unsere Essensvorräte. Die restlichen Seillängen zum „El Cap-Tower“ sind kein Problem und als wir dort oben ankommen, haben wir fast einen Tag gegenüber dem Vorjahresversuch eingespart. Nach einer bequemen Nacht geht es weiter über den engen Stemm-Kamin hinter der „Texas-Flake“. Jetzt bin ich mit Vorsteigen dran. Die Hakenleiter zur „Boot-Flake“ ist – obwohl extrem ausgesetzt und natürlich sehr fotogen – noch kein echtes Problem, doch dann kommt ein sehr dünner Riss. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass letztes Jahr zwei starke Kletterer aus Frankreich und Spanien vor uns genau an dieser Stelle umgekehrt sind. Mit Mikrokeilen und Minifriends kämpfe ich mich die entscheidenden Meter bis zu einem rettenden Bohrhaken hinauf. Jetzt wird der Riss breiter und das Ganze bekommt Genusscharakter mit 500 Meter Luft unter dem Hintern. Vom Tal aus werden wir von Tom Evans fotografiert – er sitzt jeden Tag unter der Wand und nimmt mit seinen riesigen Teleobjektiven die Kletterer auf. Die Fotos sehen wir allerdings erst ein paar Tage später.

Unter der „Boot-Flake“ hängend schafft Heinz den berühmten und berüchtigten „King-Swing“ schon im ersten Versuch - das sieht bei ihm so einfach aus, dass wir uns fragen, warum wir letztes Jahr dafür Stunden gebraucht haben. Dafür kommt jetzt ein Gewitter auf -  eine halbe Ewigkeit muss ich alleine auf einem kleinen Standplatz im Regen ausharren, während Andi und Heinz ohne Sichtverbindung um die Ecke etwas geschützter sind. Aber schließlich sind wir wieder alle beisammen und Andi und ich betreten Kletter-Neuland. Einige unangenehme Querungen bringen uns zu Camp 4 – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen berühmten Zeltplatz im Tal. Hier haben höchstens zwei Kletterer zum Schlafen Platz und das auch noch recht ungemütlich. Andi und ich bauen deshalb unsere Portaledge auf und sind angenehm überrascht vom Liegekomfort mitten in der Wand.

Früh am nächsten Morgen weckt uns Heinz: Das „Great Roof“ wartet, genauer gesagt auf Andi. Man sieht ihm das mulmige Gefühl genau an, als er die ersten Meter noch recht nervös einsteigt. Aber dann kommt er allmählich in den Kletterrhythmus und arbeitet sich langsam, aber stetig nach oben. Heinz ermuntert uns immer wieder zum Vorsteigen und wir können uns dank seiner Ruhe und Gelassenheit viel Zeit dafür nehmen. Andi klettert im Great Roof die Seillänge seines Lebens, und wir gönnen es ihm von Herzen. Am Stand mache ich dann Fotos von einem strahlenden Helden – das genaue Gegenteil von den Porträts des vergangenen Jahres! Nach einigen Regentropfen erreichen wir das Camp 5 mit brauchbaren Schlafplätzen. Aber erst versichern wir noch zwei weitere Seillängen bis zum ungemütlichen Camp 6, wovon ich wieder eine zum sog. „Glowering Spot“ vorsteige. Heute am Freitagabend fährt eine riesige Kolonne von Fahrzeugen ins Yosemite Valley, um hier das Wochenende zu verbringen. Wir sehen die Scheinwerfer in der Nacht und hören die Fahrgeräusche, sind aber in unserem Adlerhorst 800 Meter über dem Tal der zivilisierten Welt und dem Alltag völlig entrückt.

Am nächsten Morgen ist das Wetter – entgegen der Vorhersage – grau und trüb, auch merken wir jetzt trotz einer guten Nachtruhe in der Portaledge unsere beginnende Ermüdung nach vier Tagen ununterbrochenen Kletterns. Jetzt gilt es, endlich aus der Wand heraus zu kommen!

Die zwei Seillängen an den Fixseilen hinauf bis Camp 6 machen uns warm. Hier erwartet uns mit „Changing Corners“ eine der schwersten Freikletterstellen der Tour. Heinz steigt sie – gemischt frei und technisch kletternd - souverän vor. Noch 4 Seillängen bis zum Ausstieg – ab jetzt zählen wir jede mit. Heinz filmt uns beim anstrengenden Hochziehen der Säcke und nach ein paar albernen Scherzen können wir mit dem Lachen gar nicht mehr aufhören – völlig ausgepumpt und ausgesetzt 900 Meter über dem Tal hängend, löst sich ein Teil der großen psychischen Anspannungen auf diese Weise. Am nächsten Standplatz beginnt es wieder zu regnen – noch drei Seillängen! Die Route wird immer überhängender – Andi steigt ohne Wandberührung frei am Seil auf und ich muss mich beim Hinterhersteigen und „Cleanen“ ganz schön anstrengen, um das von Heinz verwendete Material trotz starken Seilzugs wieder herauszubekommen. Noch 2 Seillängen – Heinz ist schon vorgestiegen zum letzten Standplatz, ich gleich hinterher. Oben angekommen, gibt es plötzlich einen heftigen Ruck im zweiten Seil, an dem Andi und die Säcke hängen. Andi stürzt ins Seil, nur Minuten später schlägt der Blitz ein – wir sind alle miteinander vollkommen bedient und danken unseren Schutzengeln!Wenig später erreichen wir den Gipfel - die Route ist geschafft.
 

Fazit

Die Besteigung der Nose war nur möglich mit der Erfahrung vom letzten Jahr, einem gezieltem Training und natürlich der großen Routine und Schnelligkeit
von Heinz sowie der guten Teamarbeit und dem notwendigen Glück! Für Andi war die Nose die unerwartete Erfüllung eines Lebenstraumes. Ich selbst habe nach den „Seven Summits“ und drei Achttausendern wieder einmal ein Ziel erreicht, von dem ich früher nicht einmal träumen konnte, weil es weit außerhalb meiner Vorstellungskraft und Wünsche lag. Selbst der erfahrene Heinz hat sich bei dieser Besteigung durch unsere Motivation und Begeisterung anstecken lassen und wird diese Tour nicht vergessen. Und so haben wir alle drei ein echtes „once-in-a-lifetime“ - Abenteuer erlebt, das uns noch lange auf Wolken schweben lässt!  

© Dr. med. Walter Treibel, 2011
Lebenstraum Nose

 

Hier Link zum Artikel in der Alpinwelt 1 / 2010

 

 

© Dr. med. Walter Treibel, 2011