Lebenstraum Nose - Versuch 2008

Die Idee

2007 hat alles angefangen: mein Freund Andi ist gerade 40 Jahre alt geworden und sein Lebenstraum, die Besteigung der Nose ist weiter weg als je zuvor. Eine Familie mit zwei Kindern, Haushypotheken und ein stressiger Beruf mit wenig Freizeit lassen keine Träumereien zu. Seine Frau Janina überrascht ihn jedoch mit einem außergewöhnlichen Geburtstagsgeschenk – die Nose als zeitliches und finanzielles Geschenk der Familie!

Kurz darauf ruft Andi mich an: „Wie wäre es mit einem Bigwall an der Nose?“ Wir kennen uns schon lange seit einer gemeinsamen Siebentausender-Besteigung und haben zusammen schon einige große Stürme im Vorstand der Sektion Oberland gemeistert. Ich habe zwar noch keine Ahnung, was uns da erwartet, sage aber gleich zu. Nach meinen Achttausender-Expeditionen und den schweren Transalps mit dem Mountainbike wieder eine neue Herausforderung - die berühmteste Kletterei der Welt! Sie wurde vor 50 Jahren in 40 Tagen im Verlauf von eineinhalb Jahren von Warren Harding und seiner Mannschaft erstbegangen – eine unglaubliche Leistung mit der damaligen Ausrüstung und heute ein Mega-Klassiker unter den Kletterern.

Erste Vorbereitungen

Unsere allererste Vorbereitung für diese große Unternehmung führt uns ins Kino. Gerade ist der Film „Am Limit“ über die „Huaba – Buam“ fertig geworden, und wir schauen uns eine der ersten Vorstellungen an. Tief beeindruckt von den Ausmaßen und der Tiefe der Wand verlassen wir den Kinosaal und schwanken zwischen Mut und Zweifel: So steil und schwierig hatten wir uns das Ganze nicht vorgestellt! Die Tour im 11. Grad ist  erst dreimal frei begangen worden, zählt also zu den schwierigsten weltweit. Aber das kommt sowieso für die allermeisten Kletterer nicht in Frage. Man muss zwingend den 6. Grad beherrschen, ansonsten wird je nach Können mehr oder weniger technisch mit mobilen Klemmgeräten und Trittleitern geklettert. Wir lassen uns von allen möglichen Experten beraten, schauen uns Bilder von der Tour an,  studieren die Literatur und kaufen uns die erste Ausrüstung zum technischen Klettern. Damit geht es an einem kalten, nebligen Herbsttag in die Fränkische Schweiz, wo wir zum Glück völlig alleine sind. An einem Felsen mit Rissen probieren wir unsere Leitern und die neue Technik zum ersten Mal aus. Andi rasselt gleich zweimal ohne jede Vorwarnung ins Seil, weil seine Fixpunkte nicht halten. Ansonsten funktioniert das Ganze, aber es braucht alles unendlich viel Zeit. Wenn wir für die vorgesehene Tour so langsam sind wie für die ersten 10 Meter hier, dann werden wir fast so lange in der Wand unterwegs sein wie die Erstbegeher!

Also suchen wir einen guten Kletterer als dritten Mann in unserer Seilschaft, aber wir haben kein Glück: Alle sind zwar mehr oder weniger interessiert, haben aber entweder keine Zeit, kein Geld oder trauen sich die Tour nicht wirklich zu. In unserer Verzweiflung rufe ich meinen Freund Tom in den USA an. Mit ihm war ich vor 20 Jahren zusammen auf einer Trainingsexpedition der UIAA auf einem Siebentausender in Indien unterwegs. Und Tom hat bereits mehrere Bigwalls einschließlich der Nose hinter sich – er kann zwar wegen einer Ellenbogen-Operation nicht mit uns klettern, aber er hilft uns weiter. Als wir in den Yosemite Nationalpark kommen, nimmt er sich extra Urlaub für uns und coached uns die ersten Tage – danke Tom!

Zuvor sind wir noch den ganzen Winter in der Halle geklettert und haben auf Skitouren verzichtet. Bei Heinz Zak in Scharnitz holen wir uns Tipps zum Jümarn, Helmut leiht uns von seiner Ausrüstung und wir schreiben eine Menge Listen über Ausrüstung und Zeitpläne.
 

Training im Yosemite

Endlich geht es los, ein Direktflug von München bringt uns nach San Francisco und ein Leihauto zur riesigen Ranch von Tom´s Schwiegervater – ein gelungener Auftakt. Mit viel Brennholz beladen geht es weiter ins Yosemite Valley. Die ersten Blicke auf den gewaltigen Klotz des El Capitan und die Detailansichten der Nose mit dem Fernglas lassen unseren Mut wieder gewaltig sinken. Da wollen wir hinauf?? Wir Durchschnittskletterer, die höchstens einen unteren „Siebener“ schaffen und die noch nie eine so große Tour geklettert sind?

Aber technisches Klettern bzw. Bigwalls sind etwas ganz anderes als schweres Freiklettern. Das merken wir, als wir in den nächsten Tagen unter der Anleitung von Tom konzentriert trainieren, unsere Technik verbessern und unsere Ausrüstung zum günstigen Dollarkurs optimieren.

Nachdem uns Tom nach vier intensiven Tagen wieder verlässt, probieren wir gleich unser Glück in einem „Anfänger-Bigwall“, der „Washington Column“. Schon das Schleppen der ganzen Ausrüstung bis zum Einstieg ist Schwerarbeit. Wir schlafen am Wandfuß, um am nächsten Morgen möglichst bald einsteigen zu können. Bis zum komfortablen Biwakplatz „Dinner Ledge“ funktioniert alles gut, dann folgt das überhängende „Kor Roof“, das Andi sicher vorsteigt. Inzwischen ist es aber in der Wand schattig und windig geworden, so dass wir die nächste Seillänge nicht mehr ganz vorsteigen und versichern. Ein großer Fehler, wie sich am nächsten Tag herausstellt: Unser Fixseil hängt dadurch über 20 Meter frei in der Luft, was beim Aufsteigen mit der schweren Kletterausrüstung und dem Rucksack mit der ganzen Fotoausrüstung eine einzige Tortur bedeutet. Am Ende dieses Fixseilaufstieges bin ich bereits platt und Andi so fix und fertig, dass ich ihn ablassen muss. Unser erster Bigwall-Versuch ist damit grandios gescheitert!

Damit wir nicht völlig frustriert am Zeltplatz herumhängen, verlegen wir uns erst mal aufs Freiklettern. Das klappt zwar, ist aber bei 30 Grad im Schatten auch ziemlich anstrengend. Die 15 Seillängen in den „Royal Arches“ trocknen uns zum Beispiel ganz schön aus.

Als wir wieder Mut gefasst haben, wollen wir die Nose zumindest probiert haben. Nur mit der Kletterausrüstung geht es los – am Einstieg treffen wir zufällig Heinz Zak und seine Gefährten, denen wir natürlich den Vortritt lassen. Andi führt die ersten beiden Seillängen und lässt gleich einmal seine Trittleiter fallen. Ich steige die heikle dritte Seillänge vor – sicher eine meiner schwersten überhaupt – und falle sogar einmal ins Seil, bevor ich endlich den rettenden Standplatz erreiche. Als wir dann abseilen, hat jeder von uns beiden den tollkühnen Plan der Nose-Besteigung wohl endgültig aufgegeben, auch wenn wir wissen, dass die ersten Seillängen oft als die schwersten bezeichnet werden.

Der erste Versuch

Doch die Geschichte geht noch weiter: Ein paar Tage zuvor hatten wir am Fuß der Nose eine amerikanische Seilschaft mit schweren Haulbags nach einem Rückzug aus der Wand getroffen. Für ein Foto von den beiden vor dem El Capitan hatte ich sie um Erlaubnis gefragt, und nach etwas Konversation nehmen wir sie zu unserem Zeltplatz mit, da sie keinen eigenen haben. Nach einem weiteren Bigwall-Versuch verletzt sich der eine bei einem Sturz, so dass er nicht mehr weiter klettern kann. So bleibt Calvin alleine übrig, kann aber keinen Kletterpartner mehr finden. Plötzlich entsteht die Idee, die Nose gemeinsam als Dreierseilschaft zu probieren. Calvin hatte zwar sehr viel mehr Erfahrung als wir, kennt aber die Nose auch noch nicht und will sie gerne klettern.

Also packen wir zum letztmöglichen Zeitpunkt vor unserem Rückflug all unsere Sachen in zwei Haulbags. Die ganze Ausrüstung (mit 50 Liter Wasser!) ist so schwer, dass ich den Weg zum Einstieg gleich zweimal gehen muss. Calvin steigt die uns schon bekannten Einstiegslängen vor und wir erreichen „Sickle Ledge“ als Depot für unsere Haulbags. Das Herunterkommen von dort über steile, sehr kompakte Platten ist nichts für schwache Nerven, da man mitten in der Wand mit seinem Gerät direkt über zusammengeknotete Fixseile abseilen muss. Noch einmal können wir im berühmten Camp 4 schlafen, in das wir inzwischen gewechselt haben. Dann geht es in aller Früh über unsere Fixseile wieder aufwärts, bis wir schon etwas ausgepumpt unsere deponierten Säcke erreichen. Es folgen zwei trickreiche Querungen, die mit den Haulbags viel Zeit kosten. Dann führen die „Stoveleg-Cracks“ direkt nach oben – hier wurden bei der Erstbegehung 1958 tatsächlich Ofenbeine als Sicherung im Riss verklemmt. Wir kommen zwar voran, aber mit unseren 80-kg-Säcken ist das alles eine ziemliche Schinderei und dauert sehr lange. Erst bei Einbruch der Dämmerung erreichen wir am Ende der 11. Seillänge den „Dolt Tower“, auf dem wir relativ gut schlafen können. Weitere 3 Seillängen führen uns am nächsten Tag auf den „El Cap-Tower“, den einzig größeren ebenen Platz in der ganzen Wand von ca. 6 x 1 Meter, fast 500 Meter über dem Wandfuß.

Wir lassen unsere Schlafsäcke und Isoliermatten sowie Abendessen und Frühstück hier zurück und versichern nach einer Rast noch die nächsten beiden berühmten Seillängen „Texas-Flake“ und „Boot Flake“, an deren Spitze wir unsere Haulbags deponieren. Wir schlafen zwar gut, aber merken am nächsten Morgen doch allmählich unsere beginnende Erschöpfung am dritten Tag in der Wand. Das Hochsteigen am Fixseil mit den ganzen Biwakutensilien, die am Rucksack und am Körper hängen, strengt uns ganz schön an.

Von unserem gestrigen Depot aus versucht Calvin nun den spektakulären „King-Swing“ – aber das ist gar nicht so einfach! Ca. 20 Meter tiefer am Seil hängend muss man einen Quergang von mindestens 10 Metern schaffen - das geht nur mit viel Anlauf und großen Pendelausschlägen. Calvin scheitert mehrfach knapp – das alles kostet Kraft und Nerven, die uns langsam ausgehen. Endlich gelingt es doch und einige Zeit später stehen wir samt Gepäck am Standplatz der 17. Seillänge – die Hälfte des Aufstiegs wäre geschafft. Aber wir sind es auch!

Das Scheitern

Inzwischen ist es windig und kalt geworden, wir frösteln und sind einfach körperlich und mental am Ende. So fällt die Entscheidung für einen Rückzug schnell und einstimmig, zumal die rettende Abseilpiste ohne störende Quergänge genau hier vorbeiführt. Trotzdem diskutieren wir – emotionell aufgewühlt – noch eine ganze Weile herum und Andi verdrückt ein paar Tränen: Sein Lebenstraum ist geplatzt! Inzwischen holt uns eine sehr schnelle Zweierseilschaft ein – ihr Ziel ist es, die Nose an einem Tag zu klettern. Das schaffen sie, auch wenn sie erst um 23 Uhr nachts aussteigen.

Wir machen uns ans Abseilen: 11 x 50 Meter mit zwei Haulbags bedeutet nicht nur Schwerarbeit und dauert 5 Stunden, sondern ist auch eine Nervenbelastung bei ausgesetzten Bohrhakenständen in glatten Platten: Meist kann man sogar einen der zwei bis drei Bohrhaken locker um die eigene Achse drehen, und der starke Wind weht das Seil meterweit in die falsche Richtung. Wir sind zwar gescheitert, aber von all den vielen, die in den letzten Tagen vor oder unter uns umgekehrt sind, sind wir am weitesten hinaufgekommen. Wir haben unser Abenteuer gehabt und die Nose ist Erinnerung!

Fortsetzung siehe Bericht 2009!

 

 

© Dr. med. Walter Treibel, 2011