Mount Kosciusko - Australien 1999

Der achte "Seven Summits-Gipfel" - oder die Rache des kleinen Berges

Eine fast gescheiterte Bergbesteigung, erlebt von Walter Treibel

Eigentlich ist er ja trotz seiner geringen Höhe von 2228 Metern ein ganz "Großer" - der höchste Berg Australiens und damit an sich einer der berühmten "Seven Summits"! Aber als kleinster, einfachster und unspektakulärster Gipfel wird er in dieser illustren Runde einfach nicht ernst genommen und wurde deshalb sogar aus den "echten" Seven Summits ausgeschlossen.

Seine Stelle als höchster Gipfel eines Kontinents wurde unter den bergsteigerischen "Hardlinern" stattdessen an die Carstenszspitze in Irian Jaya / Neuguinea übertragen. Dieser Gipfel hat den Vorteil, viel exotischer, schwieriger und höher zu sein. Es ist problematisch, ein Permit für die Besteigung zu bekommen (manchmal jahrelang sogar unmöglich), der Anmarsch ist langwierig und anstrengend, der Gipfelaufbau weist anspruchsvolle Felskletterei (Grad 4+) bei meist unbeständigem (Regen-) Wetter auf. Außerdem ist er mit fast 5000 Meter der höchste Berg von ganz Ozeanien beziehungsweise zwischen Himalaya und Südamerika. Und das Erlebnis, tagelang mit den Danis, den Papuas aus der Steinzeit, zum Bergfuß zu marschieren, muß man nur mit ganz wenigen hartgesottenen und zahlungskräftigen Bergsteigerkollegen teilen.

Ganz anders der Mount Kosciusko: Er liegt leicht zugänglich im gleichnamigen Nationalpark im Südosten von Australien, ungefähr zwischen Sydney und Melbourne, den großen Städten des Kontinents. Von Canberra, der Retortenhauptstadt des Landes, ist er sogar nur 2,5 Autostunden entfernt.

Unterwegs in Australien

Am Ende eines vierwöchigen Australienurlaubs möchte ich den Berg zum Abschluß besteigen - eher eine lästige Pflichtübung als ein Reiseziel oder Höhepunkt. Nach meinen vielen Expeditionen der letzten Jahre habe ich diesmal bewußt etwas anderes gesucht. Zwei Tauchkurse beziehungsweise Bootsfahrten am "Great Barrier Reef", eine Fahrt in den Regenwald sowie eine Woche im echten australischen "Outback" mit einem Geländewagen um Alice Springs und den Ayers Rock liegen hinter mir und haben mir unter Wasser sowie in der Wüste und im Urwald wieder intensive Eindrücke und Erlebnisse vermittelt. Der Ayers Rock - der zweitgrößte Felsmonolith der Erde und eine der Hauptsehenswürdigkeiten Australiens - gilt bei den Aborigines, den Ureinwohnern des Kontinents, als heilig, und beim farbintensiven Sonnenaufgang und besonders beim Sonnenuntergang kommt auch wirklich eine mystische Stimmung auf.

Die Besteigung dieses Berges ist technisch einfach - ein harmloser Klettersteig, an dem allerdings bereits 25 Menschen ums Leben gekommen sind, führt auf den höchsten Punkt des Monoliths, den noch weit über hundert andere Touristen an diesem Tag mit mir erreichen. Da war mein nächtlicher Dreiviertel-Aufstieg am Vortag nach Sonnenuntergang sehr viel einsamer und abenteuerlicher!

Zum höchsten Berg Australiens

Aber zurück zum Mount Kosciusko. Von Sydney aus nehme ich mir erneut einen Leihwagen - bis zum Rückflug habe ich noch drei Tage Zeit: Den ersten brauche ich für die unerwartet lange Anreise (mehr als 500 Kilometer) und die Besichtigung der australischen Hauptstadt Canberra. Erst spät am Abend treffe ich in dem Dorf Thredbo am Fuße des Berges ein. Im August ist hier auf der Südhalbkugel gerade Winter, und in den Hochlagen liegt überall Schnee. Thredbo ist eines der Wintersportzentren Australiens - ein kleines, aber exklusives Touristendorf in etwa 1400 Meter Höhe. Daß gerade Hochsaison ist, merke ich schnell bei der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Ich habe kein Glück, alles ist ausgebucht - auch die Jugendherberge hat keinen Platz mehr. Ein "verbilligtes" Einzelzimmer hätte ich sogar doch noch bekommen - aber bei einem Übernachtungspreis von 200 australischen Dollars (das sind ca. 250 DM) lehne ich dankend ab. Das ist mir eine einzige Nacht wirklich nicht wert.

Das Abenteuer Mount Kosciusko fängt ja gut an - meine Stimmung sinkt auf den Nullpunkt, als ich beim nächtlichen Herumrangieren durch einen verborgenen Felsen auch noch eine leichte Delle im vorderen Kotflügel meines Leihwagens fabriziere - zum Glück unter der Fronthaube und damit nicht sichtbar. Ich entschließe mich, einfach in meinem Kleinwagen zu schlafen, meinen Schlafsack habe ich ja schließlich dabei. An einem einsamen Platz außerhalb der Ortschaft baue ich meinen Wagen zum Schlafen um: Rücksitzbank herausnehmen und Lehne umklappen, Beifahrersitz ganz nach vorne schieben und Lehne möglichst flachstellen - eine ebene Fläche gibt das aber immer noch nicht. Ich muß mit allen meinen Ersatzkleidern, Handtüchern usw. die Unebenheiten auspolstern. Endlich bin ich mit dem Ergebnis zufrieden und schlafe die Nacht über relativ gut.

Nach einem kargen Frühstück, das nur aus Keksen besteht, fahre ich nach Thredbo zurück und mache mich zum Skifahren bereit. Vorsichtshalber habe ich meine neuen Carving-Tourenski, meine eigenen Skistiefel und Felle mitgebracht - ein unnötiger "Overkill", wie meine Freundin Rosemary bemerkte. Dafür habe ich bei meiner Kleidung gespart und habe nur meine Berghose, eine Faserpelzjacke und eine winddichte Kombination aus Anorak und Überhose bei mir. Aber, so denke ich, der Gipfel ist ja nur ein harmloser Spaziergang für einen erfahrenen Bergsteiger. Ich bin sogar trotz des schlechten Wetterberichtes und der dicken Wolken am Bergkamm so optimistisch, daß ich mir einen teuren Tages-Skipaß kaufe, um nach der Besteigung noch den restlichen Tag über skifahren zu können. Schließlich habe ich meine Skiausrüstung um die halbe Welt mitgebracht!

Schlechtwetter am Mount Kosciusko

Die eher flachen Skipisten sind zwar nicht sehr verlockend, und der Schnee ist ziemlich weich, im Tal sogar schon knapp. Das ganze Skigebiet ähnelt eher einem mäßigen Skigebiet aus den europäischen Mittelgebirgen am Saisonende und reißt mich wirklich nicht vom Sitz des Sesselliftes. Die Auffahrt mit diesem ist ganz schön kalt, denn es weht ein stürmischer Wind. Oben angekommen, ziehe ich im Windschatten der höchsten Hütte Australiens (1937 Meter) meine Übersachen, Mütze, Kapuze und Handschuhe an, dann gehe ich los. Von hier aus sind es nur sechs Kilometer und dreihundert Höhenmeter bis zum Gipfel - und damit nur eine lächerliche Übung für einen erfahrenen Höhenbergsteiger wie mich, der schon die "echten und hohen" Seven Summits erstiegen hat. Dieser Berg dient eigentlich nur zur Abrundung meiner Sammlung, die Nummer "acht" meiner sieben Gipfel (Seven Summits).

Schon zu Hause habe ich ziemlich geringschätzig von diesem harmlosen Gipfel gesprochen - nun sollte sich diese Überheblichkeit rächen! Denn plötzlich gibt es ungeahnte Schwierigkeiten.

Vor mir liegt eine wellige Hochfläche ohne markante Geländepunkte im Nebel. Zum "White Out" gesellen sich ein entgegenkommender Sturm und ein wechselnder Regen, der auf Grund des Windes horizontal mit etwa 80 Kilometer pro Stunde auf mich einprasselt. Als harter Bergsteiger ignoriere ich die schlechten Wetterverhältnisse einfach und gehe los. Im Sommer gibt es hier regelrechte Massenwanderungen zum höchsten Gipfel Australiens - bis zu 3000 Wanderer und Spaziergänger sollen ihn an schönen Tagen besteigen. Da diese Menschenmassen natürlich die empfindliche alpine Vegetation stark belasten, wurde hier von der Seilbahnstation ein sogenannter "Stealway" gebaut: ein gebahnter, circa zwei Meter breiter Steg aus engmaschigen Eisengittern (wie über abgedeckten Kellerfenstern). Ich stelle es mir gräßlich vor, hier mit Hunderten von anderen Menschen im Sommer auf dieser Eisenstraße entlangzuwandern!

Ich laufe dagegen mit meinen Tourenskiern völlig alleine gegen den Sturm ins weiße Nichts. Anfangs sehe ich noch Stellen des Eisenweges aus dem Schnee ragen, später stoße ich sogar auf Markierungsstangen und taste mich bei 30 Meter Sichtweite von Holzstange zu Holzstange. Doch scheint mir nach einer Weile die Richtung nicht zu stimmen, es müßte viel weiter links in Richtung Hauptkamm gehen. Als ich ein paar Snowmobil-Spuren sehe, folge ich ihnen bis zum Kamm - aber dann ist Schluß: Der Sturm heult unvermindert, die Sicht ist gleich null - und ich bin ziemlich verunsichert! Jetzt fällt mir auch ein, daß seit zwei Wochen vier Snowboarder in diesem Gebiet vermißt werden und immer noch nicht gefunden wurden (vermutlich sind sie in einer Lawine umgekommen oder in einer selbstgegrabenen Schneehöhle erstickt). Die Snowmobil-Spuren könnten daher wahrscheinlich von den diversen Suchaktionen stammen und sind daher völlig unbrauchbar für meine Orientierung. Vielleicht hätte ich doch besser bei den Markierungen bleiben sollen. Jetzt rächt es sich auch, daß ich keine gute Karte dabei habe. Mein Kompaß nützt mir deshalb herzlich wenig, und außerdem scheint er kaputt zu sein, was ich schon vorher in der australischen Wüste vermutet habe. Also zurück und dann erneut den Holzmarkierungen nach. Aber diese führen eindeutig in die falsche Richtung und noch dazu bergab - wenigstens mein Höhenmesser läßt mich nicht im Stich. Ich bin jetzt ziemlich frustriert und kehre schließlich in meiner eigenen Spur zurück.

Das kann doch nicht sein, daß ich auf diesen lächerlichen Berg nicht hinaufkomme! Wieder zurück im Liftgebiet, treffe ich einen Crosscountry-Skiläufer. Er erklärt mir, daß die Markierungen von der alten Straße stammen, die über den Charlotte-Paß ins nächste Skigebiet führt. Früher war dieser Weg sogar für Geländewagen offen, wurde aber dann aus Gründen des Umweltschutzes gesperrt. Unglaublich - den Mount Kosciusko konnte man damals sogar mit dem Auto "besteigen", denn eine Abzweigung dieser Straße endete kurz unterhalb des Gipfels.

Ich bin inzwischen ganz schön durchnäßt, denn meine alte Goretex-Kleidung ist schon etwas verschlissen und daher nicht mehr wasserdicht, zudem bin ich durchgefroren und hungrig. So gehe ich zur höchsten Hütte Australiens, nicht ohne vorher mit der Kamera ein frustriertes Selbstporträt von mir zu schießen. Doch plötzlich sehe ich eine Gruppe von Skiwanderern mit Telemark-Skiern und großen Rucksäcken inklusive Isoliermatten. Ich spreche einen der Gruppe an und erfahre, daß sie einen mehrtägigen Kurs über Skifahren, Schneecamping und Wintersurvival machen, aber ihn aufgrund des schlechten Wetters jetzt abgebrochen haben. Wir wärmen uns zusammen im Restaurant der Liftstation auf und kommen in ein längeres Gespräch. Sie beantworten mir meine Fragen über den Mount Kosciusko und das australische Bergsteigen, und ich erzähle ihnen von den Seven Summits. Jetzt erfahre ich auch, daß mein Kompaß für die nördliche Hemisphäre gebaut und hier schlecht zu gebrauchen ist, da durch die unterschiedliche Stärke der magnetischen Feldlinien die Nadel schräg liegt. Je nach Erdhalbkugel muß entweder die Nord- oder Südnadel mit einem kleinen Zusatzgewicht beschwert werden, um frei horizontal schwingen zu können. Zum Schluß tauschen wir Adressen und Telefonnummern aus, und ihr Führer schenkt mir eine topographische Karte von der Umgebung.

Erneut gescheitert und frustriert

Frisch gestärkt und mit wertvollen neuen Informationen versuche ich am Nachmittag nochmals, den Gipfel zu erreichen. Ich komme sehr viel weiter als beim ersten Mal, aber die trügerische Wetterbesserung war nur vorübergehend. Jetzt bin ich total durchnäßt und spüre, wie sich das Wasser in meinen Skistiefeln sammelt. Die Sicht ist immer noch miserabel, der Sturm tobt unverändert weiter, und mir wird es immer kälter. Ich weiß ganz genau, daß der Gipfel nicht mehr weit ist, aber die Vernunft siegt wie damals am Mount Everest, als ich 97 Höhenmeter unterhalb des höchsten Punktes der Erde aus Sicherheitsgründen umgekehrt bin. Es wird auch allmählich dunkel und ich kehre um, bevor ich ganz unterkühlt bin.

Das Pistengebiet ist inzwischen völlig menschenleer, und ich fahre im aufgeweichten Sumpfschnee in der Dämmerung zur Talstation. Noch nie in meinem ganzen Leben war ich so naß wie diesmal: Aus meinen Skischuhen kann ich das Wasser kippen und meine Kleidung inklusive der Unterhose muß ich sogar auswringen.

Ich habe zwar noch einen Reservetag und fahre notfalls auch in der Nacht nach Sydney zurück - aber wie soll ich meine Kleidung wieder trocken kriegen? Auf alle Fälle kann ich diesmal nicht mehr im Auto übernachten. Ich fahre daher aus dem Nationalpark in die Kleinstadt Jinderbyne zurück. Meine Wäsche ist im ganzen Auto verstreut und ich drehe während der Fahrt die Heizung voll auf, aber das bewirkt nur einen ziemlichen Mief und Kopfschmerzen.

In der Stadt finde ich wieder keine passable Unterkunft und rufe deshalb meine neuen australischen Freunde an. Sie haben ein Apartment gemietet, noch ein Bett frei und laden mich zum Abendessen und über Nacht ein. Der glücklicherweise vorhandene Trockenraum ist mit unserer nassen Kleidung übervoll, und wir werfen einfach zwei Ladungen nasser Klamotten in einen Wäschetrockner. Der gemütliche Abend vergeht mit vielen Erzählungen und Plänen für die Zukunft.

Letzter Gipfelversuch mit Satellitenunterstützung

Die ganze Nacht hindurch regnet es und am nächsten Tag ist das Wetter genau so schlecht wie zuvor. Die Gruppe wollte eventuell als Abschluß auch noch den Mount Kosciusko besteigen, beschließt aber bei den schlechten Verhältnissen lieber noch einen Theorietag einzulegen. Ich aber möchte auf alle Fälle noch einen weiteren Gipfelversuch unternehmen und leihe mir ein Satellitenortungsgerät (GPS) von den anderen aus. Andrew programmiert mir noch die Wendepunkte meines Marschplanes ein und gibt mir einen Schnellkurs für das High-Tech-Gerät.

Wieder zahle ich für den Nationalparkbesuch und die Liftgebühr, dieses Mal allerdings nur für eine Einzelfahrt. Zum Glück regnet und stürmt es jetzt nicht mehr, die Sicht ist zwar besser, aber immer noch nicht ausreichend, um sich in dem konturlosen Hochplateau zurechtzufinden. So bin ich über das GPS sehr froh und nach einer Weile begeistert von den Möglichkeiten dieses kleinen Wunderwerkes. Es kann bis zu zwölf Satelliten empfangen, und meine Zielgenauigkeit liegt damit bei circa 20 - 30 Meter. Mit traumwandlerischer Sicherheit navigiere ich mich durchs eintönige Weiß, bis es plötzlich heller und heller wird. Kurz darauf reißen die Wolken auf, lassen ein Stück blauen Himmels durch, und ich sehe endlich meinen Gipfel: einen Schneehügel ohne markante Formen, ein angedeuteter Grat mit kleinen Wächten, aber dazwischen ein leichter direkter Aufstieg ohne Lawinengefahr.

Er ist so unscheinbar, daß ich ihn gar nicht erst fotografiere, ich nehme es mir für den Rückweg vor, wenn wenigstens meine Skispuren den Gipfelhang interessanter gestalten. Problemlos erreiche ich das flache Gipfelplateau in 2228 Meter Höhe. Gestern war ich beim zweiten Versuch nur etwa 800 Meter von hier umgekehrt. Es ist windstill, trocken und sogar relativ warm, was will ich mehr? Ich stehe zufrieden auf dem höchsten Punkt des australischen Kontinents und habe endlich im dritten Anlauf mein Ziel erreicht. Jetzt habe ich wirklich "alle" Seven Summits bestiegen, egal wie gezählt wird. Ich gönne mir eine Brotzeit, mache pflichtgemäß ein paar Dokumentarfotos von mir, dem höchsten Punkt samt Schneewüste ringsum und den dunklen, fast schwarzen Wolken im Hintergrund. Mit meinem Handy rufe ich sogar noch Andrew an und berichte ihm von meinem Erfolg dank GPS.

War doch alles halb so wild, oder? Doch noch einmal rächt sich der kleine Gipfel am vorher überheblichen Bergsteiger. Beim Hinunterfahren hüllt er sich wieder ganz in Wolken; und so muß ich nach Hause fahren, ohne ein einziges Überblicksbild von diesem von mir so unterschätzten Berg zu haben.

© Dr. med. Walter Treibel, 2011