Kanutour in Polen
Kontraste auf der Krutynia - Juli 2020

Die Krutynia ist ein sehr abwechslungsreicher Fluss mit vielen Seen in Ostpolen, genauer gesagt in der Masurischen Seenplatte, und gilt als die schönste Paddeltour des Landes. Da sich dieses Jahr in Coronazeiten am ehesten Bootstouren mit unseren Kindern anbieten, wollen wir nach der Märkischen Umfahrt in Brandenburg gleich noch eine Paddeltour ausprobieren. 

Die Anreise von München ist allerdings sehr lang: fast 1300 km mit dem Auto auf zwei Tage verteilt. Zunächst auf deutschen und polnischen Autobahnen und dann ziemlich zeitraubend quer durchs flache Land bis zum Ziel. Zum Glück haben wir durch Empfehlung und Paddelführer gleich eine Unterkunft am Startpunkt gefunden. Bei der Ferienwohnung „Haus Seeblick“ lassen wir unser Auto zurück und können vom Garten aus direkt mit der Tour starten.

Der Charakter des Paddeltour ist ganz anders als in Brandenburg: zunächst sind wir fast vollkommen alleine in einer Naturlandschaft unterwegs und wechseln vom kleinen Fluss immer wieder in den nächsten See. Besonders schwierig ist es aber dann, aus dem See wieder den Weiterweg zum nächsten Flussabschnitt zu finden, da die Ufer stark verschilft sind und man die Einfahrten kaum erkennen kann. Hier leistet uns das GPS mit den markierten Stellen gute Dienste. Anfangs findet unsere Tour auf einem schmalen Bach mitten durch Wälder statt – zum Glück hat unser aufblasbarer Canadier nur wenig Tiefgang, sodass wir kaum aufsetzen. Unseren Elektromotor können wir bei dem relativ niedrigen Wasserstand und vielen Wasserpflanzen im Flussbett daher nur auf Seen benützen, sind dort aber speziell bei Wind sehr froh darüber.

Unser erster Nachtplatz liegt auf einer idyllischen Insel: hier sind wir ganz alleine (mit Plumpsklo) und haben Trinkwasser mitgebracht. Allerdings entlädt sich kurz nach dem etwas hektischen Zeltaufbau ein starkes Gewitter und wir müssen Kochen und Abendessen in unsere Apsis verlegen. Da unser neues Zelt groß genug ist, funktioniert das sogar relativ gut.

Der zweite Paddeltag bringt bei schönem Wetter wieder die typische Mischung von Fluss- und Seeabschnitten mit den ersten Umtragestellen. Diesmal leisten wir uns – wieder auf Empfehlung - den Luxus einer Übernachtung im „Kanu Club Hotel“ mit Sandstrand und kleinem Schwimmbad. Dort sind wir die einzigen Paddler unter lauter polnischen Urlaubsgästen. Deshalb ist es auch schwierig für unser Boot mit aller Ausrüstung einen sicheren Nachtplatz zu finden: schließlich passt nach Umräumen unser 5 m langes Kanu gerade so in einen Abstellraum hinein. Das Hotel am Hang hat den Charme einer alten postkommunistischen Herberge. Dafür gibt es am (Samstag-) Abend im Garten ein Lagerfeuer und auf der Terrasse eine Musikparty mit einer Einmann-Band. 

Der dritte Tag läuft ähnlich wie die ersten beiden ab, nur findet diesmal die Übernachtung auf einem sehr großen Campingplatz mit Wohnmobilen, Wohnwagen und Hauszelten statt, wobei wir auch die polnische Campingkultur kennenlernen.

Am vierten Tag wird es auf dem Fluss schon etwas voller – wir nähern uns nämlich dem Hauptort der Krutynia, dem Dorf Krutyn. Hier gibt es jede Menge Kayaks und Kanus zu leihen und in großen Holzbooten werden Touristen von einem Einheimischen spazieren gefahren bzw. mit langen Stangen gestakt. Da sich wieder ein Gewitter ankündigt, suchen wir bald nach einer Bleibe und finden einen schönen, ruhigen Übernachtungsplatz mit Sandstrand und überdachten Sitzgelegenheiten.

Am fünften Kanutag sind wir beim Blick auf den Fluss doch sehr von der Menge der Paddler erstaunt bzw. geschockt: hunderte von Leihbooten sind einzeln oder in Großgruppen unterwegs. Wir paddeln zwar schneller als die Tagestouristen, geraten aber an der nächsten Umtragestelle in einen Riesenstau bzw. in ein absolutes Bootschaos.

Wir wussten zwar schon vorher, dass dieser Flussabschnitt besonders beliebt und an den Wochenenden überlaufen ist, aber dies gilt inzwischen wohl für jeden Tag! Diese Tour scheint für die Polen ein nationales Urlaubsevent zu sein. Zum Glück steigen praktisch alle Tagespaddler nach knapp 15 km aus und werden von den Verleihfirmen zum Ausgangspunkt zurückgebracht. Wir fahren jedoch weiter und sind plötzlich wieder völlig alleine unterwegs.

Unser letzter Übernachtungsplatz ist eine Station der Gesellschaft für Tourismus und Landeskunde mit Hütten, Camping und Gastronomie, wie üblich direkt am Fluss. Auch hier gibt es wieder ein Lagerfeuer, aber auch eine Jugendgruppe, die natürlich nicht so schnell ins Bett geht.

Die letzte Paddeletappe führt wieder durch den inzwischen breiteren Fluss und weitere kleine Seen, die jeweils von großen Schilfflächen umgeben sind. Zuletzt erreichen wir die Mündung der Krutynia in den Beldahnsee, einer der großen Masurischen Seen. Ab hier ist es mit der Ruhe ganz vorbei, denn auf all diesen Seen sind Motor- und Segelboote erlaubt und es sind jetzt in der Hochsaison jede Menge Freizeitkapitäne unterwegs.

Wir landen daher nach knapp 100 km Paddeln bald an dem bekannten Ausflugsort „Galindia“ – eine Art Freilichtmuseum mit Hotel. Auf dem weitläufigen Gelände hat ein exzentrischer Künstler überlebensgroße Holzskulpturen geschaffen und lässt samt Gebäuden und Kostümen des Personals das Leben eines mittelalterlichen Volkes wiederaufleben.

Wir beenden hier unsere Paddeltour, verpacken unsere gesamte Ausrüstung und werden dann vom Besitzer unserer Ferienwohnung abgeholt. Diese genießen wir jetzt nach den Zeltnächten ganz besonders und legen auch gleich noch eine Erholungstag ein.

Wir besuchen mit dem Auto noch ein paar Orte in der Umgebung und vervollständigen unseren Blick auf die Gegend aus der Straßenperspektive. Zum Schluss kommen wir an eine Art Freizeitpark, an dem sich unsere beiden Kinder austoben dürfen. Sie sind begeistert vom Fahren mit einem Elektroauto, vom schwerelosen Trampolinspringen mit Gummiseil und von einem sehr gut gestalteten Hochseilgarten für verschiedene Altersstufen.

Wir haben eine der schönsten Paddeltouren Europas in einer besonderen Fluss-Seen-Landschaft durchgeführt – und müssen uns dann von unseren beiden Töchtern sagen lassen, dass der Freizeitpark das Beste des gesamten Urlaubs war!  

  

© Dr. med. Walter Treibel, 2020