Oberland-Trophy 2005

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Kurze Übersicht

Auf dem anstrengenden Weg von München zum Großglockner setzte dem Oberland-Team das verregnete Wetter des Sommers 2005 schwer zu: Wegen der starken Regenfälle und der Flutkatastrophe mußte die Tour nach etwa der Hälfte der Strecke sogar mehrfach unterbrochen werden!

Trotzdem gelangen den drei Teilnehmern (Walter Treibel, Uta Philipp und Volker Strothe) bemerkenswerte  Leistungen: In 16 Tagen wurden mit dem Mountainbike und zu Fuß 550 km und fast 20.000 Höhenmeter zurückgelegt und insgesamt 12 Hütten der Sektion Oberland besucht - daher auch der Name dieser Tour.

Zusätzlich konnten in diesem “alpinen Fünfkampf“ (mit Mountainbiken, Wandern, Klettersteigbegehungen, Klettern und Hochtouren) dreizehn Gipfel bestiegen werden. Lediglich am Endziel Großglockner musste das Kletterteam am Stüdlgrat 250 m unter dem Gipfel bei Wettersturz und Schneefall den Rückzug antreten. Die Vollendung der Oberland-Trophy ist im Sommer 2006 geplant.

Die gesamte Tour wurde mit über 1000 Bildern fotografisch dokumentiert - mehr Informationen darüber wird es auch in einem eigenen Diavortrag im Gasteig geben.

Besondere Erlebnisse gab es viele, z.B.  eine Besteigung der Lamsenspitze bei Schneetreiben mitten im August, kulinarische Köstlichkeiten auch auf Selbstversorgerhütten, interessante Diskussionen mit den verschiedenen Hüttenwirten, abenteuerliche oder lustige Begegnungen sowie einsame Landschaften und tolle Abfahrten, die Überquerung des Alpenhauptkammes über den Felbertauernpaß mit zermürbenden Schiebestrecken oder die Besteigung von sieben Dreitausendern im Großvenedigergebiet an einem einzigen Tag!


Oberland Trophy 2005  -  von München bis zum Großglockner

Ein Bericht von Uta Philipp
 

Teil 1 – Von München bis Kufstein

Isartal

Der Münchener Marienplatz hat schon Verrückteres gesehen als drei Mountainbiker am Start einer Tour von München zum Großglockner. Aber mit voller Ausrüstung und Bikes im Aufzug zu den Büroräumen der Sektion Oberland wirken wir dann schon etwas seltsam. Nachdem ich Mitglied der Sektion geworden bin, fahren wir zum Isartor und tauchen ab in den grünen Isarauendschungel .

Am Klettergarten Buchenhain werden Erinnerungen an die ersten Kletterversuche vor vielen Jahren wach. Auf abwechslungsreichen Trails ist das Biken eine Freude, und wir merken kaum, wie die Sonne tiefer sinkt und der Abend kommt.

Als wir uns Haunleiten nähern, steht der halbe Mond schon am Himmel, es ist kühl geworden.  Endlich! Das wunderschön gelegene alte Bauernhaus taucht vor uns auf. Im Kühlschrank gibt es noch Bier, der Pizzaservice und eine lustige Münchner Runde verkürzen den Abend, gegen 1 Uhr geht’s dann erst ins Bett.

Von Haunleiten zur Falkenhütte
Immer wieder regnet es ein wenig, als wir Haunleiten verlassen. Am Isarufer entlang fahren wir Richtung Sylvensteinstausee. Bemerkenswert ist noch eine Bootsmannschaft, die ihre Raftingtour extra für Walters Foto mitten in der Stromschnelle (unfreiwillig natürlich!) anhält, wobei das Schlauchboot voll Wasser läuft und kein T-Shirt trocken bleibt!

In Hinterriss essen wir eine Suppe, denn wir wissen, das steilste Stück  liegt noch vor uns. Der Tag ist schon recht alt, als wir ins Johannistal einbiegen und uns dem Zauber des Karwendels überlassen. Aber graue Felsmauern verschwinden in grauen Wolken. Nicht einmal der Kleine Ahornboden hat Farbe. Dafür fahren wir noch mal 100 Höhenmeter extra bergab, bis wir die richtige Auffahrt zur Falkenhütte finden. Lang zieht sich der Weg, doch ein heftiger Regenguss bringt Kurzweil! Erschöpft erreichen wir im Abendgrauen die übervolle Hütte unter der großen, nassen, kalten, grauen, dräuenden, dunklen, abweisenden, furchteinflössenden und so weiter Herzogkante.  Der Schnaps vom freundlichen Hüttenwirt Kostenzer tut das seine.

Im Zimmer im 1. Stock hängt ein „Fluchtseil“ neben dem Fenster. Daran kann man sich erhängen, wenn’s brennt.

Von der Falkenhütte zum Lamsenjoch
Die Sonnenstrahlen kämpfen gegen Zirruswolken, während wir an einem Gamsrudel vorbei auf den Mahnkopf (2045m) steigen. Unser erster Gipfel! Anschließend fahren wir hinab ins Laliderertal. Nur kurz geht der Blick zurück und verliert sich weit oben an der unerreichten Herzogkante.

Als wir die Engalmen erreicht haben, zieht sich der Himmel schon bedrohlich zu, und im Aufstieg zur Lamsenjochhütte erwischt uns kalt das Gewitter. Auch unter der Regenkleidung wird es feucht und klamm. Nahe dem Joch flüchten wir uns unter das Vordach einer verlassenen Alm. Wird das Wetter besser? „Das Einzige, was hier blau ist, Volker, sind deine Lippen!“

Triefend vor Nässe, doch vor Einbruch der Dunkelheit sind wir an der Lamsenjochhütte. Die ist wider Erwarten auch voll, besonders der Trockenraum, der eher als türkisches Dampfbad bezeichnet werden sollte! Erst beim Nachtisch-Spezialteller, nur für uns, wird’s wieder warm ums Herz.

Auf die Lamsenspitze
Was für ein hässlicher Wintermorgen hat sich draußen breitgemacht: Nebel und Schneeregen signalisieren: Ruhetag! Wir spielen kindliche Spiele, und der dumme Jenga-Turm fällt immer nur durch meine Ungeschicklichkeit um.

Mittags klart es kurz auf, und so kommt es, dass Volker – auch noch  bei winterlichen Verhältnissen – seinen ersten Klettersteig geht: Durch den Brudertunnel auf die Lamsenspitze. Das gibt viele Pluspunkte für den Oberland-Trophy-Pokal, den ich inzwischen ausgeschrieben habe.

Die besten Schuhe (nur 3 Nummern zu groß) habe ich an, geliehen vom Hüttenwirt.

Am Gipfel sind wir erstaunlicherweise ganz allein, - es liegt Schnee, der Fels ist unangenehm rutschig und nass, und die Aussicht? „Volker, schnell, schau, da unten ist die Gramaialm, guck schnell, sonst siehst du sie vielleicht nie mehr!“ Es fängt wieder richtig an zu grieseln und zu regnen, und wir trollen uns in die Hütte zu Topfenstrudel, Vanillesoße, Schlagobers und Kaiserschmarrn. Ach, ja, und Schnaps!

Von der Lamsen zur Bayrischen Wildalm
Warten wir bis abends mit dem Aufbruch, damit man im Dunkeln nicht sieht, wie schlecht das Wetter ist? Mittags fällt uns nichts mehr ein als in strömendem Regen, aber auf wunderschönem Singletrail von der Lamsen hinunter zur Gramaialm zu fahren.

Der Talboden ist überschwemmt, und zeitweise strudeln wir bis an die Radnabe im braunen Wasser. Dann folgt ein Windkanaltest unter erschwerten Bedingungen, denn der Regen schlägt auch noch ins Gesicht bei der sausenden Abfahrt nach Pertisau. Das Trockenföhnen der Kleidung auf dem WC eines Gasthofs ist sinnlos, denn nach Achenkirch hinaus regnet es nicht weniger. Dort an der Kirche treffen wir jedoch auf Gisela, die keine Mühe gescheut hat, dem Volker neues Spielzeug zu bringen. Der Trans-Alpine-Rucksack und der neue Bikecomputer zaubern ein Lächeln auf sein Gesicht, ein Lächeln, wie wir es auf der gesamten Tour bisher vermisst haben!

Mit Gisela radeln wir in die Blauen Berge, denn dort liegt die Bayrische Wildalm. Marianne, Raimund und Richard erwarten uns schon an der gemütlichen Selbstversorgerhütte. Die warme Stube ist ein Traum nach dem nassen Tag, ebenso wie das Essen von Marianne, das von selbstgemachtem Apfelstrudel gekrönt wird!

Während unsere Ausrüstung unter der Decke zum Trocknen hängt, sitzen wir gemütlich um den Tisch und Raimund erzählt von alten Zeiten, - wie er das Gipfelkreuz von der Lamsenspitze selbst geschmiedet hat, wie 10 Säcke Trockenzement auf den Gipfel geschleppt werden mussten und oben sogar gesprengt wurde, bevor das Kreuz aufgestellt werden konnte.

Aus den Blauen Bergen zur Siglhütte
Die ersten Sonnenstrahlen seit drei Tagen blenden uns, als wir morgens vor die Hütte treten. Nach einem ausgedehnten und üppigen Frühstück müssen wir die wunderschöne Wildalm verlassen und wenden uns Richtung Bayrischzell. Marianne steht am Geländer in der Sonne und bläst zum Abschied Bergsteigerlieder auf der Mundharmonika.

Die  Fahrt führt über die Erzherzog-Johann-Klause und den Elendsattel ins Kloaschautal. Vor Bayrischzell ergattert sich Walter einen der begehrten Pluspunkte für den „Trophysieg“, weil er 10 Runden in der eiskalten Kneippanlage schafft, und auch dem Volker huscht ab und zu ein glückliches Lächeln übers Gesicht: wenn der neue Bikecomputer unter seinem Fingerdruck mit wichtigem Piepsen antwortet! Was kann man zu Bayrischzell sagen? Im Kino läuft „Der Bauerndoktor von Bayrischzell“. Seit 50 Jahren. Alles klar, oder??

Über eine Jungbullenweide mit sehr interessierten Tieren stehlen wir uns in unseren roten Biketrikots nach Hochkreuth . Abends erreichen wir, zuletzt schiebend über einen steilen Skihang, die Siglhütte. Eine Gruppe mit Kindern ist schon dort, aber – welch ein Glück! – auch Gisela, die uns mit köstlichen Speisen verwöhnt. Sie muss einen Riesenrucksack hier hinaufgeschleppt haben.

Vom Wendelstein zur Riesenhütte
Heute früh weckt uns die Sonne, die zum Fenster hereinschaut. Gisela hat ein Frühstück zubereitet, das für Auge und Gaumen ein Genuss ist!  Walter  kommt aus dem Schlafraum, erblickt das alles, und fragt: „Wo ist Knödel??“

Gisela wird heute unsere Kletterrucksäcke in Vomp holen, während wir das Vergnügen haben, in heißer Sonne die Räder hinauf zur Zeller Scharte zu schieben. Der Vollständigkeit halber besteigen wir auch noch den Wendelsteingipfel, Menschen, Technik und Beton, - wir schauen lieber in die Ferne. Von der Zeller Scharte tragen wir die Räder noch ein Stück, bis es in rasender Fahrt abwärts nach Brannenburg geht.

Bald führt uns der Weg abwechslungsreich, aber steil bis zum Sattel unter dem Hochries. Die Sonne steht schon tief über dem Horizont, fern liegt im Norden die flache Moorlandschaft um Rosenheim im Dunst.

Es ist die sonderbare Tageszeit, in der sich der Nachmittag unmerklich zum Abend wandelt. Unwirklich, weil es untrennbar zu diesem Ganzen gehört, weht Hörnerklang zu uns herüber. Mit dem Blick auf die weite Ebene stehen einsam und allein zwei Bergsteiger, Vater und Sohn, vor einer verschlossenen Alm und blasen auf Flügelhörnern ein melancholisch-schönes Lied.

Unter dem Hochries queren wir auf  rutschigem Singletrail bis zur Hochfläche, auf der die Riesenhütte steht. Mit Lagerfeuer und Hörnerklang vor der Hütte verhallt der Tag.

Kaiserwanderung
Von der Riesenhütte geht es mehrmals über die grüne Grenze zwischen Bayern und Tirol durch wunderschöne Almtäler  zum Spitzsteinhaus und an den Walchsee. Jetzt gönnen wir uns aber mal Ferien von der Biketour! Baden gehen. Eis essen. In der Sonne braten!! Dann fülle ich mit Marsriegel und Leberkässemmel Kalorien auf, weil ich auf der Karte gesehen habe, was auf uns zukommt. Die Mountainbikestrecke von Osten hinter den Zahmen Kaiser bis zur Feldalm ist eine Freude für die Sinne - der Rest wird jedoch ziemlich unsinnig. Wir tragen die Räder. Hinauf, hinab, in Fels, Geröll und Latschenwurzeln. Das gilt bis auf Weiteres, für den Rest des Tages und auch die einbrechende Nacht.

Von der Feldalm zur Hochalm zum Wegweiser „2 ½ Stunden zur VKF-Hütte“ , und das für schlaue Wanderer ohne Rad unterm Arm. Zunächst lachen noch die Kaisergipfel im letzten Sonnenschein über uns, dann dämmert es. Walter locht sich mehrmals mit seinen Freeridepedalen die Waden, mir fliegt von hinten ein kopfgroßer Felsbrocken ans Bein und Volker kommt sicher auch nicht schmerzfrei davon.

Finsternis im Wald. Volker blendet mit der Stirnlampe den Weg aus. Irgendwann tief unten die Lichter von Kufstein. Jetzt ist die Vorderkaiserfeldenhütte nicht mehr weit! Eine Hüttenankunft im Dunkeln, das kostet dich eine Flasche Sekt, Walter, und Minuspunkte für die Trophywertung!

Singing In The Rain
Nachts prasselt Regen an die Scheiben und der Sturm heult ums Haus.  Da hätte es gestern ja wirklich noch schlimmer kommen können! So haben wir keinen Klettertag, sondern einen Ruhetag mit Hüttenmusi auf der Ziehharmonika. Ein Gast aus Irland zeigt den Einheimischen mit erstaunlicher Virtuosität, wie es wirklich geht. Nachmittags in Regen und Nebel gehen Walter und ich über die Naunspitze und das Petersköpfl zur verfallenden Hinterkaiserfeldenalm, die auch der Sektion Oberland gehört. So wie eigentlich der ganze Zahme Kaiser der Sektion gehört.

Abends ist die Motivation deutlich gesunken: Das Wetter soll noch schlechter werden. Ja geht das denn überhaupt? Sollen wir die Tour abbrechen?

Flucht aus Kufstein
„Stellt ihr euch tot oder was?“ – Keiner will heute morgen aufstehen.

Nach dem Frühstück verpacken wir uns wieder einmal mehr oder weniger wasserdicht und fahren von der Vorderkaiserfelden im strömenden Regen hinunter nach Kufstein.

Vom Bahnhof  geht es erst einmal nach Hause. Dass die Entscheidung richtig ist, beweisen die nächsten Regentage, die eine Hochwasserkatastrophe im gesamten Alpenraum auslösen. Was ist denn das nur für ein Sommer?

 

Teil 2 – Vom Kaiser nach Osttirol

Der Unkaputtbare
Walter und Volker haben die trophyfreien Tage genutzt und sind ab heute perfekt ausgerüstet; neue Gore-Tex–Funktionskleidung ist im Gepäck, spezielle farbintensive Ponchos für Regenfotos mit Komplementärkontrast werden mitgeführt und Walter hat einen leuchtend gelben neuen Helm. Ab geht’s, von Kufstein aus über den Hintersteiner See zur Wegscheidalm am Wilden Kaiser.

Bei der Abfahrt von der Wegscheidalm saust der Walter vorneweg und übersieht im Halbdunkel des Waldes eine grün gestrichene Forstschranke, die den Weg versperrt. Seine Notbremsung kommt viel zu spät, und er wird so brutal vom Rad gehoben, dass sein funkelnagelneuer Helm, gerade einmal wenige Stunden in Gebrauch, knitterkaputt ist. Viel Glück muss der Walter da gehabt haben, denn - kaum zu glauben - der Mensch und sein Rad sind noch voll funktionstüchtig! Das hätte leicht mit Hubschrauberbergung und Intensivstation weitergehen können.

Der Rest der Strecke zur Oberlandhütte wird dann  in etwas gemütlicherem Tempo geradelt.

Von Tirol in den Pinzgau
An diesem Morgen starten wir, wieder vollständig, von der Oberlandhütte in die Kitzbüheler Alpen. Erst fahren und dann schieben wir bei wunderbar sonnigem Wetter zum Stangenjoch zwischen großem und kleinem Rettenstein.

Vor der Stangenalm liegen ein paar faule Schweine, dösen in der Sonne und holen sich einen Sonnenbrand auf ihren rosanackten Schinken. Was für ein Idyll! In der Almhütte können wir zuschauen, wie der Pinzgauer Käse gemacht wird. Ein großer blankgescheuerter Kupferkessel steht im Raum, und ein junger Sennbursche bearbeitet mit einer uralten Holzpresse ein 50-kg-Käserad, während er uns bereitwillig die Arbeit auf der Alm erklärt.

Ein paar hundert Höhenmeter tiefer genießen wir dann den frischen Kas als Brettljause mit Buttermilch. Gab es da auch Schnaps? Im Anstieg zum Wildkogel  finden wir noch eine schöne Stelle zum Springen über einen Bach. Spaß muss sein!

Und wieder einmal steigt der Abend aus dem Tal, als wir am Ziel angelangt sind. Der Wildkogelgipfel ist es heute, mit einem 360°-Gipfelpanorama: Wo komme ich her, wo gehe ich hin?

Das Gestern, das Heute, das Morgen und vielleicht Übermorgen sind eins in einem Rundblick.

Nach einer kurzen Abfahrt zum Wildkogelhaus verlässt uns die Abendstimmung, denn auf einer großen Holzterrasse gibt es absolut coole Dreiräder für unsere Kleinen zum Spielen.

Da müssen wir uns gleich draufstürzen, wir quietschen vor Vergnügen und legen uns in die und auch mal in den Kurven. Herrje, Volker, tu doch nicht so erwachsen! Er schaut so ernst.

Er sieht sich schon morgen von Mittersill auf den Alpenhauptkamm schieben.

„Das soll doch eine Mountain-bike-Tour und keine  Mountain-push-Tour sein!!“ beschwert er sich.  Stimmt eigentlich!

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit!
Über Nacht hat es - wie kann es anders sein? - Hunde und Katzen geregnet. Die Sicht beträgt etwas mehr als 10 Meter. Wir machen noch einmal den Kinderspielplatz unsicher, bevor wir den wunderschönen Wildkogeltrail hinabcruisen – leider ist alles ziemlich nass, aber dennoch ein  Fahrspass; mit so einer Abfahrt fängt der Tag gut an!

Von Neukirchen nehmen wir den Tauernradweg an der Salzach entlang, und in Mittersill geht es aufwärts Richtung Süden. Die offizielle Teerstrasse (und MTB-Route!) endet am Hintersee, aber wir fahren auf den Spuren des letzten Transalp Challenge Cups aufwärts in Richtung St. Pöltener Hütte.

Unterwegs versperren Haflinger den Weg und verlangen einen Müsliriegel als Maut. Dafür darf ich sogar aufsitzen. Volker muss ordentlich mithelfen, damit ich hinaufkomme!

Mit dem Fahren ist es bald vorbei, ab 2000 Metern Höhe geht es im Nebel und Niesel bergauf, das Fahrrad  schiebend und tragend, durch Felsblöcke und Schutt weiter. Nach 500 Höhenmeter und 2 Stunden Push-Tour erreichen wir endlich den Alpenhauptkamm.

Nach Jahren (die wir gealtert sind) erkennen wir dann im Dunkel schemenhaft die Pöltener Hütte über uns, nur so ein massiger Schatten. Finster. Kein Licht brennt! Ist sie etwa geschlossen? Ich denke: „Biwak im nassen Loch unter der Terrasse, nimmt denn hier keiner Rücksicht auf die Frauen??“ – Volker denkt: „Ach, Scheiße!“ – Walter denkt: „Aggressiver Notstand, da kommen wir schon irgendwie rein!“

Nein, der erleuchtete Gastraum liegt nur auf der anderen Seite, und wir bekommen einen warmen und herzlichen Empfang. Kachelofen. Heiße Suppe. Das ist nach fünfzig Kilometern und zweitausend Höhenmetern in Regen und Nebel ziemlich angenehm!

Immer wieder Regenwetter
Die Wetterprognose des Wirts klingt eher nach einer ekligen Krankheit: So biken und pushen wir im „nässenden Nebel“ hinunter nach Außergschlöß.

Tiefhängende Wolken geben kurz einen Blick auf den zerrissenen Gletscher unter dem Venediger frei.  Nein. Nicht so. So nicht. Und jemand erbarmt sich: Die Rosi holt uns hier raus! Das ist der Abbruch Nr.2!

 

Teil 3 – Endspurt in Osttirol

Leider kann Volker bei diesem vorerst letzten Teil der Oberlandtrophy nicht dabei sein. Das kostet ihn den Sieg, -  bisher lag er weit vor Walter im Rennen, - aber am Finale muss man teilnehmen!

Wir radeln gemütlich vom Matreier  Tauernhaus zum Innergschlöß und schliessen unsere Räder im Materialseilbahnschuppen ein. Dann wandern wir mit leichtem Gepäck über die Alte Prager Hütte zum Stützpunkt unter dem Großvenediger, der Neuen Prager Hütte.

Der klare Himmel verspricht viel für Morgen!

Im siebten Himmel
Die Hütte leert sich langsam, und als alle anderen Bergsteiger unterwegs sind, brechen auch wir noch auf.

Ausnahmsweise haben wir kein „Trophy-Wetter“. Die Sonne lacht aus blauem Himmel, wir stapfen über den weiß glänzenden Gletscher, und die Steigeisen können wir nach der ersten Steilstufe wieder einpacken..

Ein scharfer Wind bläst uns auf den Kleinvenediger. Auf dem Großvenediger ist es schon wärmer. Am Hohen Aderl halten wir uns nicht lange auf. Das Rainerhorn ist rasch erstiegen. Die Schwarze Wand läd zum Meditieren ein. Der Hohe Zaun ist nah. Nur der 3000er Nummer Sieben, der letzte auf einen Streich, liegt in der Ferne.

Lang zieht sich der Weg zur Kristallwand über den Gletscher hin. Doch so einfach wie heute bei diesem Wetter in der Venedigergruppe lassen sich wohl nirgends 7 Dreitausender an einem Tag besteigen. „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt...“

Im siebten Himmel sind wir allerdings schnell nicht mehr, das merken wir beim Abstieg über den spaltigen aperen Gletscher auf dem Weg zum Defreggerhaus. Auch die unfreundlichen Hüttenwirte, das Matratzenlager und der Wetterbericht (oh nein!!!) erwecken keine himmlischen Gefühle mehr.

Vom Venedigerhöhenweg zur Stüdlhütte
Die Johannishütte 800 Höhenmeter tiefer sparen wir uns, um heute noch die Stüdlhütte erreichen zu können. Denn spätestens übermorgen kommt der Wettersturz. Vielleicht können wir dann vorher doch noch auf den Glocknergipfel steigen.

Auf dem hartgefrorenen Gletscher bei der Querung zum Frasnitztörl muss Walter mir mit dem Taschenmesser die Kerben in den neuen Schuhen tiefer schnitzen, weil die Steigeisen sich immer wieder lösen. Auf dem Venedigerhöhenweg zurück zum Innergschlöss reichen mir die Tevas, so bleiben die Zehen an der Luft und blasenfrei!

Der Weg führt durch eine grandiose Landschaft  ins Tal hinab. Nach der Seitenmoräne gegenüber der Alten Prager Hütte gelangen wir an einen lanzettförmigen kleinen tiefblauen See, der eine hellgrüne Insel mit weißen Wollgras-Tupfen umschließt. Rundum liegen Blaubeerbüsche im gelbbraunen Torfmoos.

Nach langer Wanderung sind wir zurück an der Materialseilbahnstation und packen uns die Bike-Rucksäcke zusätzlich auf den Rücken. Gemütlich radeln wir zum Matreier Tauernhaus, wo das Auto steht.

Walter guckt plötzlich ziemlich dumm. Ein ganz ernst gemeintes, langsam ausgesprochenes  „Scheiße.“  entfährt ihm.

Dann: „Der Autoschlüssel ist in der Prager Hütte.“

Und das ist kein Spaß. Das ist bitterer Ernst.

Das gibt fette Minuspunkte für die Trophywertung, Walter!

Jetzt schaffen wir heute bestimmt nicht mehr den Aufstieg zur Stüdlhütte. Was nun? Das Auto steht da, fein abgeschlossen, und grinst blöde vor sich hin. Walter wühlt zur Beruhigung erst mal in seiner Fototasche. Das entspannt, das macht Spaß, das lenkt ab.

Aber er ist total überrascht, als er plötzlich ganz zufällig und unerwartet auf einen Ersatzschlüssel stößt,  von dem er gar nichts mehr wusste.

Mann oh Mann!

Im letzten Dämmerlicht erreichen wir doch noch die Stüdlhütte, und das Abendessenbuffett wurde noch nicht abgeräumt. Ist das gut! Kann das möglich sein: Ich esse mehr als Walter??!

Trophywetter
So haben wir uns das nicht vorgestellt, als wir um halb sechs aufstehen wollen: Der Regen prasselt aufs Hüttendach. Nachdem wir richtig ausgeschlafen und gut gefrühstückt haben, reißt es auf und wir gehen doch noch los. Der Optimismus ist ungebrochen.

Kaum sind wir am Grat, zieht es sich wieder zu. Macht nichts, das wird schon wieder.

Nach kurzer Zeit fängt es an zu nieseln. Wir haben schon schlimmeres Wetter gehabt.

Es schneit jetzt. Komm schon, da gehen wir heute noch hoch!

Der Schnee bläst waagerecht, und es grollt und grummelt. Ist bestimmt ein Flugzeug, das vorbeifliegt.

Erst einmal weiter bis zum Frühstücksplatz!

Nass legt sich der Schnee auf die brüchigen abschüssigen Felsen des Grates, Sicht haben wir schon lange nicht mehr, Donner ist es, was da grollt, und die Skistöcke, die am Rucksack festgeschnallt sind, fangen an zu sirren wie eine Hochspannungsleitung!

Was als „Trophywetter“ beim Biken ärgerlich und ungemütlich ist, wird beim Klettern auf 3500 Metern Höhe lebensgefährlich.

Wir sind uns mal wieder einig: Vorsichtig und konzentriert klettern wir vom Frühstücksplatz aus abwärts, irgendwann nach einer kurzen Abseilaktion laufen wir auf dem flachen Gletscher im Regen zurück zur Hütte.

Mit der Materialseilbahn können nicht nur Rucksäcke transportiert werden, sondern auch Sektionsvorsitzende (ich zähle als Rucksack). Wir fahren mit, ins Nebelnichts.

Am Auto darf Walter ganz unzeremoniell seinen Sieger-Pokal entgegennehmen. Eigentlich hatte ich mir eine gemütliche Feier in der Stüdlhütte mit Pokalverleihung durch den Hüttenwirt vorgestellt.

Das wäre ein angemessenes Finale gewesen, nach so vielen mühsamen Anstiegen, glitschigen Abfahrten, grottenschlechtem Wetter, harter Bikeschlepperei, langweiligen  Fotopausen, nässendem Nebel, Steinen, Stürzen, Dunkelheit, Schimpfen, Lästern...

Nach so vielen großartigen Landschaften,  nach der intensiven Freude an der Bewegung und der Begegnung und doch - auch - so viel Sonnenschein!

Haben wir es jetzt hinter uns?

Oder gibt es nächstes Jahr noch einen vierten Teil?


Oberland-Trophy – Infos (August/September 2005)

Auf dieser Spezialtour wurden alle wichtigen Hütten und Arbeitsgebiete der Sektion Oberland zum ersten Mal hintereinander „by fair means“ besucht und mit den typischen Gipfeln der Region kombiniert. Dazu gehörten unter anderem Lamsenspitze im Karwendel, Wendelstein, Gipfel im Zahmen Kaiser, die Überschreitung des Großvenedigers sowie des Großglockners.

Als Fortbewegung zwischen den einzelnen Etappen ab München Marienplatz bzw. Geschäftsstelle der Sektion dienten Mountainbikes. Der alpine Charakter der Tour wurde ergänzt durch Wanderungen oder Klettersteige sowie anspruchsvolle Klettereien und Hochtouren als Tagestouren von den jeweiligen Hütten.

Die Sektions-Hütten wurden in folgender Reihenfolge besucht:

Oberländerhof Haunleiten, Falkenhütte, Lamsenjochhütte, Bayerische Wildalm, Siglhütte, Riesenhütte, Vorderkaiserfelden-Hütte, Wegscheidalm, Oberlandhütte, Alte Prager Hütte, Neue Prager Hütte,  Stüdlhütte. Dabei wurde auf den bewirtschafteten Hütten der Sektion (z. T. sogar zwei Nächte) sowie auf drei Selbstversorger-Hütten übernachtet.

Nach der Oberlandhütte war jeweils eine zusätzliche Übernachtung im Wildkogelhaus und der St. Pöltener-Hütte notwendig, von der auch der Übergang über den Tauern-Hauptkamm erfolgt. D.h. es handelte sich sogar um eine echte Transalp-Tour mit dem Mountainbike.

Nach der Großvenediger-Überschreitung führte eine lange Wanderung vom Defregger-Haus auf dem Venediger-Höhenweg zurück zu den Rädern im Innergschlöß. Der krönende Abschluss dieser Tour sollte die Besteigung des Großglockners über den Stüdlgrat werden, was jedoch wegen des anhaltenden Schlechtwetters verschoben werden mußte.

 

Technische Daten:
Die Oberland-Route begann in München auf dem Marienplatz bzw. der Servicestelle der Sektion am Isartorplatz und führte bis zum Gipfel des Großglockners. Innerhalb von 18 Tagen wurden bisher etwa 20.000 Höhenmeter und insgesamt ca. 550 km zurückgelegt. Das Team war selbständig unterwegs, lediglich für die Kletter- und Hochtouren wurde die technische Ausrüstung vorher auf den Hütten deponiert.

 

Teilnehmer und Aufgabenverteilung:

Walter Treibel: Organisation, Routenplanung, Orientierung, Fotos.

Uta Phillip:Tagebuch und Bericht, Hauptdarstellerin, Klettern.

Volker Strothe: Reisekasse, Hütten-Beurteilung, technische Daten.

 

Projektziel:
Durchgeführt wurde eine ausführliche Fotodokumentation der Tour, der Hütten und der Gipfel als Grundlage für Vorträge sowie eine Veröffentlichung. Bei dieser Gelegenheit wurden auch viele Gespräche mit den Hüttenwirten geführt und deren Arbeit in Bildern dokumentiert.

Insgesamt wurde mit diesem alpinen Projekt versucht, im Sinne des alten „Oberlandgeistes“ eine verstärkte Identifikation der Sektionsmitglieder mit ihren Hütten und Arbeitsgebieten zu erreichen.

 

© Dr. med. Walter Treibel, 2011