Klettern in der Wüste

Kletterabenteuer in Nordafrika, Jordanien und Namibia
 

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"Wer einmal in der Wüste war, kommt wieder"
 

Ich habe die Wüste immer geliebt.
Man setzt sich auf eine Sanddüne.
Man sieht nichts.
Man hört nichts.
Und währenddessen
strahlt etwas in der Stille.

(Aus: Der kleine Prinz, von A. de Saint-Exupéry)

 

Du sitzt in der Wüste.
Nichts hält Deinen Blick auf
und auch nicht Deine Gedanken,
weder Hochhäuser, noch Telegrafenmasten,
weder Vorurteile, noch Konventionen.

Du kannst mit Deinen Gedanken schweifen,
wohin Du magst.
Es hängt alles nur von Dir selbst ab.

Du wirst anspruchslos hier.
Du freust Dich über einen Schluck Wasser
und wenn das Auto nicht kaputtgeht.
Was vorher wichtig erschien,
wird nebensächlich
und umgekehrt.

Jesus wußte schon, warum er vierzig Tage
in die Wüste ging und fastete.
Man kommt als ein anderer wieder heraus.

(Isabell Harbauer, 1979)

 

Wüsten sind faszinierende Landschaften der Erde - genauso wie Gebirge, Meere, Urwälder oder die riesigen Eisflächen der arktischen Gebiete. Sie alle sind menschenleer oder sehr einsam, schön, aber sicher nicht ungefährlich! Eine Herausforderung für jeden, der tief in sie eindringt. Man braucht Erfahrung und Mut, eine gute Vorbereitung und Ausrüstung sowie die richtigen Gefährten - denn Fehler werden in der Regel nicht verziehen.

In einer alpinen Zeitschrift die Beweggründe und die Faszination des Kletterns zu schildern, erscheint mir überflüssig zu sein, ist es doch eines der Kerngebiete des Bergsteigens. Klettern und Reisen zusammen üben einen besonderen Reiz aus, aber noch interessanter ist für mich die Kombination aus Wüste und Klettern. Denn dabei ist die Herausforderung noch größer: meist große Hitze und kein Wasser, absolute Einsamkeit und so gut wie keine Rettungsmöglichkeiten, oft keine Bohrhaken, dafür umso mehr Psychostreß ... Dafür ist dies aber gleichzeitig eine großartige Erfahrung für Alpinkletterer abseits der Massen und noch ein echtes Abenteuer in der heutigen Zeit!


Im Hoggargebirge (Zentralsahara, 1979)

AWer einmal in der Wüste war, der kommt wieder. Bei mir fing es bereits vor 23 Jahren in der Sahara an. Als Studenten sind Isabell und ich mit unserem alten, zum Wohnmobil ausgebauten VW-Bus schon sieben Wochen und knapp 10.000 Kilometer unterwegs, bis wir das erste Mal unsere Klettersachen auspacken. Nach Südfrankreich, Spanien und Marokko sind wir jetzt im Süden Algeriens im Hoggargebirge angelangt. Inmitten der Wüste sind die steilen Basaltschlote ehemaliger Vulkane übriggeblieben, weil ihr härteres Gestein der Erosion ringsherum standgehalten hat. Hier klettern wir vollkommen allein - andere Bergsteiger haben wir hier sowieso nicht erwartet, aber daß wir tagelang gar keine Menschen mehr sehen, war uns dann doch etwas unheimlich. Bevor wir zum Ilamane, dem schönsten Gipfel und steinernen Wahrzeichen des Hoggargebirges aufbrechen, stecken wir vorsichtshalber noch einen Zettel in drei Sprachen hinter die Windschutzscheibe: AWenn wir bis übermorgen nicht wieder zurück sind, bitte die Polizei in Tamanrasset verständigen! Aber alles geht gut - wir erreichen den Gipfel nach schöner Kletterei (IV+) und schlagen unsere Initialen mit Hammer und Haken in einen Felsbrocken des Gipfelsteinmannes, denn ein Gipfelbuch gibt es nicht.


Im Wadi Rum (Jordanien, 2000)

Es sollte dann 20 Jahre dauern, bis ich wieder zum Klettern in die Wüste fahre. Mit Wolfgang und Karin fliegen wir über Ostern für zwei Wochen nach Jordanien. Natürlich reizen uns die Sehenswürdigkeiten dieses Landes wie etwa die Hauptstadt Amman, die gut erhaltene, ehemalige römische Stadt Gerasa oder die Mosaiken von Madaba. Wir besuchen das Tote Meer, laufen drei Tage in den weltberühmten Ruinen von Petra umher und machen auch einen Abstecher ans Rote Meer.

Die Highlights für uns Bergsteiger sind aber die Tage im Wadi Rum, einem landschaftlich großartigen Wüstental mit vielen steil aufragenden Sandsteinbergen rundum. Hier war das geschichtsträchtige Hauptquartier des englischen Abenteurers Lawrence von Arabien, der während des 1. Weltkriegs den Widerstand und Kampf der Araber gegen die Türken organisierte.

Im Talboden sind eine Reihe der hier lebenden Nomaden inzwischen seßhaft geworden, und es finden sich die Anfänge eines Touristenzentrums. Direkt vom Zeltplatz aus starten wir zu unserer ersten Tour im Dschebel Rum Massiv, einem gewaltigen Gebirgsstock, der 800 m über den Talboden aufragt und durch viele Schluchten labyrinthartig in mehrere Untermassive gegliedert ist. Wir haben zum Eingewöhnen eine lange Überschreitung ausgewählt. Doch trotz eines Kletterführers ist die Orientierung alles andere als einfach: Es stecken fast keine Haken in den Wänden, und wir kommen nur ziemlich langsam voran. Schließlich entscheiden wir uns vernünftigerweise zur Umkehr und erreichen unser Zelt nur knapp vor der hier schnell einbrechenden Dunkelheit.

Karin hat vorerst genug vom Klettern und vergnügt sich am nächsten Tag mit einem Kamelritt. Wolfgang und ich starten diesmal etwas früher zum höchsten Gipfel des Gebietes. Im unteren Drittel der Tour seilen gerade zwei Engländer an uns vorbei ab - auf Nachfrage stellt sich heraus, daß sie biwakieren mußten! Wir haben eine beliebte, aber anspruchsvolle Klettertour ausgewählt, bei der die Schlüsselstelle den unteren 6. Grad berührt. Auf dem Gipfel des Dschebel Rum haben wir - 800 m über dem Talboden - eine fantastische Rundsicht auf die abwechslungsreiche Wüstenlandschaft unter uns. Sandflächen, kleine Felsen und gewaltige Sandsteinmassive wechseln sich ab und bilden ein natürliches Landschaftsmosaik. Der Abstieg erfordert trotz des gleichen Weges noch einmal konzentrierten Orientierungssinn. Mit Hilfe unserer zwei Seile und verschiedener Abseiltechniken aus dem Canyoningbereich kommen wir flott voran und erreichen unser Zelt noch vor der Dämmerung - eine schöne, abenteuerliche Klettertour, wie wir sie uns erträumt haben, liegt hinter uns!

Am nächsten Tag fahren wir mit unserem geliehenen Geländewagen auf sandigen Pisten direkt in die Wüste hinein. Am Abend klettern Karin und ich noch eine kurze Route im 5. Schwierigkeitsgrad. Obwohl Karin sonst besser als ich klettert, läßt sie sich durch den leicht bröseligen, sandigen Fels und die fehlenden Haken entmutigen und überläßt mir etwas genervt den Vorstieg, der mit Friends und Klemmkeilen selbst abgesichert werden muß. Das Abseilen in der Dämmerung an alten Schlingen ist zwar kein Problem, aber dafür verklemmt sich ein Seilstrang beim Abziehen hoffnungslos im Rißkamin. Wegen der hereinbrechenden Dunkelheit lassen wir es hängen und seilen uns mit dem verbliebenen 2. Seil ab. Am Boden angekommen, ist es bereits Nacht - und auch dieses Seil läßt sich nicht mehr abziehen! Zum Glück haben wir im Auto noch ein 3. Seil, und so klettere ich mit Wolfgang am nächsten Morgen noch einmal die Route, um unsere Seile aus der Wand zu bergen.

Einige Tage später begehen wir eine Kletterroute zu einer großen natürlichen Felsbrücke, wo ich ausgiebig fotografiere. Auch hier treffen wir wieder auf zwei Kletterer, die beim Abstieg den Weg nicht gefunden haben und biwakieren mußten. So heiß es untertags in der Wüste ist, so kalt kann es in den Nächten sein - Biwakieren ist dann wirklich kein Vergnügen! Wir haben ebenfalls ziemliche Orientierungsprobleme und suchen mühsam in dem völlig unübersichtlichen Irrgarten aus Felsen, Rinnen und Schluchten den Weg nach unten. Und so beschließen wir zum Urlaubsabschluß - statt zu klettern - einen gemütlichen zweitägigen Kamelritt zu machen, bei dem wir zwar unsere Finger schonen, aber umso mehr unsere Hintern strapazieren.


Auf der Spitzkoppe (Namibia, 2001)

Im letzten Jahr verbringe ich fünf Wochen in Namibia. Da ich bei meinen Reisen immer gern den höchsten oder interessantesten Berg des jeweiligen Landes besteigen möchte, steht diesmal die Spitzkoppe auf dem Programm, die sich 700 Meter über den Wüstenboden erhebt. Ich weiß zwar, daß dieser formschöne Granitkegel ein reiner Kletterberg ist, aber erst kurz vor der Abreise bekomme ich einen aktuellen Kletterführer zu Gesicht: Der Berg wurde 1946 erstbestiegen, und bis heute waren nur circa 400 Kletterer auf dem Gipfel. Meine Begleiterin hat für diese Route nicht genügend Erfahrung, und so bin ich froh, daß ich unterwegs zwei fränkische Sportkletterer finde, die ich zu dieser Route überreden kann.

Peter und Thomas klettern zwar bis zum 7. Grad, haben aber keine alpine Erfahrung, so daß die volle Verantwortung für Orientierung, Vorstieg und Absicherung bei mir liegt. Wir kommen zu spät weg und leisten uns im Zustieg durch den bewachsenen und völlig unübersichtlichen Wandbereich gleich einen Verhauer. Wir ziehen uns an Büschen hoch, mogeln uns an stacheligen Kakteen vorbei, springen über Rinnen oder robben sogar durch kleine Höhlen, bis wir endlich den richtigen Weg finden.

Beim Klettern steigern sich die Schwierigkeiten kontinuierlich. Weiter oben wird ein glatter, sehr enger Kamin in einer dunklen Höhle so brutal eng, daß ich mir sogar den Magnesiabeutel vom Klettergurt nehme, um nicht hängen zu bleiben. Die Rucksäcke müssen wir sowieso hinter uns herzerren - ein übergewichtiger Kletterer würde hier glatt steckenbleiben und hätte keinerlei Gipfelchance. Danach seilen wir 20 Meter über eine senkrechte glatte Wand ab - jetzt müssen wir bis zum Gipfel durchkommen, da uns der Rückweg abgeschnitten ist. Die Schlüsselstelle ist mit 5+, Ao angegeben, daneben gibt es eine hakenlose Alternative im 6. Grad, die mir ungesichert allerdings zu gefährlich ist. So steige ich eben mit Hakenhilfe und einem künstlich gehauenen Tritt der Erstbegeher über den abdrängenden Wulst. Weiter oben muß ich noch genügend frei klettern und die Route selbst absichern, bis wir schließlich den Gipfel erreichen. Dort oben genießen intensiv wir das eindrucksvolle Wüstenpanorama, das durch die späte Nachmittagssonne noch plastischer wirkt, tragen uns ins Gipfelbuch ein und machen Brotzeit sowie ein paar Fotos.

Danach seilen wir zweimal 50 Meter direkt und ausgesetzt ab, wobei der Schlingenstand den Sportkletterern ziemlich Respekt bzw. Angst einflößt. Weiteres Abklettern und ein paar Abseilstellen bringen uns rasch nach unten, aber auch die Sonne geht schnell unter. Im unübersichtlichen Wandfußbereich wird es dann stockdunkel. Wir haben natürlich keine Taschenlampe dabei und verlieren - wie schon beim Aufstieg - die spärlichen Steinmännchen - Markierungen.

Da wir diesen Wegteil nicht kennen und ein Herumirren in diesem Felslabyrinth gefährlich wird, schlage ich ein Freibiwak vor. Aber die beiden anderen suchen noch eine ganze Weile vergeblich nach dem Weiterweg, da sie so kurz vor dem Ziel - nur 150 Meter über dem Talboden - nicht aufgeben wollen. Zum Glück haben wir Rufverbindung zu den besorgten Frauen am Wandfuß, die uns trotz Autoscheinwerfer und Taschenlampen von unten auch nicht weiterhelfen können. Und so folgt schließlich doch eine kalte und unbequeme Nacht unter freiem Himmel mit ausgedörrten Kehlen und sehr viel Durst. Am nächsten Morgen stürzen wir bei den Autos angekommen erst einmal becherweise Säfte, Wasser, Bier und Obstkonserven herunter, bis wir unseren Flüssigkeitsbedarf wieder einigermaßen gedeckt haben. Das Abenteuer Spitzkoppe ist damit glücklich überstanden.

 

Klettern in der Wüste

Sonne, Hitze, Sand und Berge ...
keine Hütte, kein Wasser, kein Grün,
aber dafür Tiefe und Weite zugleich.
Kaum Wege, Haken oder Rettungsmöglichkeiten,
alles hängt nur von Deinen eigenen Fähigkeiten ab.
Die Getränke sind aufgebraucht, der Körper ausgedörrt,
Geist und Psyche bleiben dennoch hellwach.
Die Anstrengungen und Risiken sind viel größer,
aber ebenso die starken Eindrücke und Erlebnisse.
Einsames Klettern in karger Wüste ...
intensive Erinnerungen an heiße Tage!

 

Praktische Informationen

Kletterführer jeweils in Englisch
Tony Howard: Treks and Climbs in Wadi Rum – Jordan,
Cicerone Press, 3. Auflage 1997, 236 Seiten.

Eckhardt Haber: Spitzkoppe and Pontoks – Namibia, A Climbers Guide,
Blue Mountains Publishers, 1. Auflage 2001, 99 Seiten.

© Dr. med. Walter Treibel, 2011