Alpine Unfallkunde

Unfallanalysen
 

Ein Unfall ist ein plötzliches, von außen einwirkendes schädigendes Ereignis auf eine Person.

An erster Stelle der alpinen Unfallstatistiken stehen mangelnde alpine Erfahrung und Leichtsinn (vor allem bei Jüngeren), danach unzureichende körperliche Verfassung (vor allem bei Älteren). Die meisten Unfälle passieren erst beim Abstieg durch nachlassende Konzentration bzw. durch Müdigkeit, deshalb ist hier besondere Vorsicht geboten!

Unfallabläufe sind meist auf das „Dominoprinzip“ zurückzuführen: Katastrophen haben oft nicht eine einzelne Ursache, sondern entstehen aus dem Zusammenwirken vieler Einzelfaktoren. Diese wären allein durchaus beherrschbar, aber eskalieren in ihrer Gesamtheit zum Unfallereignis.

Die Erfahrung aus Unfallanalysen zeigt, dass Verunfallte das theoretische Wissen oft gehabt hätten, aber dieses aufgrund psychischer Blockaden nicht anwenden konnten. Das könnte auch die Analyse eigener Fehler betreffen, denn Erfahrung ist nichts anderes, als die Auswertung vieler Erfolge und Irrtümer! Im alpinen Bereich sind hauptsächlich Führungstechnik und -taktik sowie eine realistische Selbsteinschätzung zur Vermeidung von „subjektiven Gefahren“ betroffen. Viel wichtiger als die absolute Leistungsfähigkeit ist es, im Gebirge seine eigenen Grenzen zu kennen und sie zu respektieren, denn die größte alpine Gefahr steckt in der Person des Bergsteigers.

Wie so oft ist beim Bergsteigen wie auch in der Medizin das Vorbeugen die sicherste und mitunter einzige Möglichkeit, größere Schäden zu vermeiden. Bei Unfällen im Gebirge sind in den seltensten Fällen schicksalhafte Materialfehler oder Naturgewalten die Ursache, sondern fast immer sind die jeweiligen Bergsteiger durch ihre eigenen (vermeidbaren) Fehler selbst schuld.

Merke: Meist ist nicht der Berg gefährlich, sondern vielmehr das Verhalten des Bergsteigers! Unfallursachen sind in über 80% auf menschliches Versagen zurückzuführen.


Unfallverhütung

Alpinsportarten erfordern ständig einen „klaren Kopf und wachen Geist“, d. h. Reaktionsschnelligkeit, Feinkoordination, Gleichgewichtsempfinden, Orientierungsfähigkeit sowie generell ein konzentriertes, situationsgerechtes Handeln.

Allgemeine Unfallverhütung:

  • Theoretische Beschäftigung mit der Materie (z.B. durch Fachliteratur)
  • Besuch von Kursen zum Erlernen, Aufbauen und Wiederholen von Kenntnissen
  • Möglichst gute funktionelle (Sicherheits-) Ausrüstung und Kleidung
  • Notfall-Ausrüstung: Biwaksack, Apotheke, Stirnlampe, Handy usw.
  • Regelmäßiges Training von Technik, Taktik, Kraft, Ausdauer und Psyche

Vorbereitungen vor einer Tour:

  • Das geplante Tourenziel dem eigenen Können bzw. den Fähigkeiten des schwächsten Teilnehmers anpassen
  • Die Gefährten auch nach ihren Fähigkeiten und Erfahrungen aussuchen
  • Informationen über Länge und besondere Schwierigkeiten einholen
  • Z.B. aus Führern, aus dem Internet oder durch persönliche Auskünfte
  • Wetter- und Lawinenberichte sowie aktuelle Verhältnisse erfragen
  • Realistischen Zeitplan inklusive Zeitreserve erstellen
  • Ggf. das ursprüngliche Tourenziel ändern oder verschieben
  • Information über die Rettungskette im jeweiligen Land einholen, da es z. T. noch unterschiedliche Notrufnummern gibt!

Entscheidungen unterwegs:

  • Nochmalige Überprüfung wesentlicher Entscheidungsfaktoren vor Ort, z.B. durch  Nachfrage bei Hüttenwirten, Bergführern, anderen Bergsteigern oder aktuelle Infos per Handy usw.
  • Rechtzeitiger Aufbruch entsprechend dem Zeitplan
  • Je nach aktuellen Verhältnissen ggf. Ziel oder Route ändern
  • Zeitlimits für eine eventuelle Umkehr setzen und einhalten
  • Notfalls auf Gipfelziel verzichten und rechtzeitig umkehren („Mut zur Umkehr!“)
  • Beim meist gefährlicheren Abstieg besonders gut aufpassen

Merke: Ein Gipfel läuft zum Glück nicht davon!
Und lieber einmal zu viel als einmal zu wenig umgekehrt!

 

Sicherheit und Risiko

Ein risikofreies Leben gibt es nicht: Jeder Mensch muss sich im individuellen und sozialen Bereich immer wieder mit Risiken unterschiedlichster Art auseinandersetzen. In den letzten Jahren hat hier die Forschung verschiedene Risikotheorien und –modelle entwickelt, und dieses wichtige Thema wird inzwischen auch beim Bergsteigen untersucht und diskutiert.

Das Aufkommen sogenannter „Risikosportarten“ auch im Gebirge (wie Steilwandabfahrten, Free-Soloklettereien, Gleitschirmfliegen usw.) zeigt, dass bewusster Umgang mit Risiko emotional positiv erlebt werden kann. Es befriedigt menschliche Grundbedürfnisse, lotet die eigenen körperlichen und emotionalen Grenzen aus und kann daher zur Selbstverwirklichung führen.

Die Risikobereitschaft ist ein Persönlichkeitsfaktor, der individuell sehr verschieden ausgeprägt ist. Dies liegt am persönlichen Lebensschicksal und am Ehrgeiz, aber auch an einer genetischen Veranlagung (durch ein „Risiko-Gen“). Insgesamt muß das Risikoverhalten als ein sehr änderungsresistentes Merkmal betrachtet werden. Deshalb bedeutet auch eine optimale Ausbildung nicht automatisch eine erhöhte Sicherheit!

Bei allen prophylaktischen Maßnahmen und modernen Sicherheitsausrüstungen besteht nämlich immer die Gefahr, daß sie dem Bergsteiger ein falsches Gefühl der Sicherheit geben können. Wenn dieser als Folge davon seine Risikobereitschaft erhöht, geht der Gewinn an Sicherheit wieder verloren (Sicherheitskompensation). Zum Beispiel kann auch ein Auto mit Antiblockiersystem aus einer Kurve fliegen, wenn man nur schnell genug hineinfährt! Und im alpinem Gelände wird auch mit Lawinen-Airbag, Verschütteten-Suchgerät und Atemweste die Lawinengefahr nicht geringer - außerdem sterben allein 25% der Lawinenverschütteten an mechanischen Verletzungen! Auffallend ist, dass gerade gut ausgebildete, sehr erfahrene und modern ausgerüstete Skibergsteiger überdurchschnittlich häufig bei Lawinenunfällen ums Leben kommen.

In diesem Zusammenhang ist sehr aufschlussreich, dass kein Alpinist in die Berge geht, um möglichst sicher zu sein, sondern um seine persönlichen Ziele zu erreichen oder seine Grenzen auszuloten. Der Bergsteiger bemüht sich zwar, eine Gefährdung nach Möglichkeit einzuschränken, sucht aber auch nicht primär die Sicherheit. Stattdessen versucht er in einem ständigen Optimierungsprozess zwischen Leistungstendenz und Sicherheitstendenz auszugleichen. So akzeptiert jeder Alpinist entsprechend seinem persönlichen Sicherheitsempfinden, seinen sportlichen Motiven und Wertvorstellungen ein gewisses (Rest-) Risiko. Kommt es zu einem Unfall, kann man davon ausgehen, dass dieser in allererster Linie das Resultat eines falsch eingeschätzten Risikos ist.

Seit 1880 wird beim Bergsteigen zwischen objektiven und subjektiven Gefahren unterschieden („Die Gefahren der Alpen“ von Emil Zsigmondy). Objektive Gefahren im Gebirge sind z.B. Steinschlag, Eisschlag, Spaltensturz, Lawinen, Schlechtwetter bzw. Wettersturz oder Absturzgefahr.

Zu den subjektiven alpinen Gefahren gehören Fehler bzw. Versagen im bergsteigerischen Denken und Handeln wie etwa mangelndes Können, Selbstüberschätzung, Leichtsinn, falsche Tourenplanung oder Routenwahl, mangelhafte Kondition oder Ausrüstung und ggf. Gruppendruck. Aber auch eine sehr häufige Fehleinschätzung der objektiven Gefahren gehört hier hinzu, so dass die subjektiven Gefahren die von der Natur vorgegebenen insgesamt bei weitem übertreffen. Die Gesamtgefährdung in einer konkreten Situation ergibt sich immer aus der Summe der objektiven und subjektiven Gefahren mit ihren gegenseitigen Wechselwirkungen.

In der Unfallkunde hat es sich herausgestellt, dass theoretisches Wissen und erworbenes Können alleine nicht zur Unfallvorbeugung ausreichen. Gerade vielschichtige Situationen mit verschiedenen Einflüssen, Ursachen und Wechselwirkungen erfordern ein sehr komplexes Verhalten der jeweiligen Bergsteiger. Dieser ist rein erfahrungsgemäß (und entwicklungsgeschichtlich) oft noch nicht dazu in der Lage, da manche Risiken außerhalb seines normalen Gefahreninstinktes liegen (wie etwa die Lawinengefahr).

 

Literatur:


Erste Hilfe und Gesundheit am Berg und auf Reisen

Alpine Lehrschrift von Dr. Walter Treibel

Bergverlag Rother München, 2. Auflage, 2011

 

© Dr. med. Walter Treibel, 2011